Weihnachten „Gefällt mir“

Ich habe es getan. Ich bin in Facebook und habe fünf Freunde. Im realen Leben ist das eine schöne Anzahl, denn wer ist schon wirklich ein Freund? In Facebook ist das nichts. Ich bin ein einsamer Wolf, der keine Gefällt-mir-oder-Gefällt-mir-nicht-Daumen verteilt und keine Party-, Tier- und Promifotos kommentiert, ja noch nicht mal ein eigenes Bild von sich präsentiert.

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Darauf habe ich verzichtet. Diesen Part hat mein pubertierender Nachwuchs für sich reserviert. Und das ist auch der eigentliche Grund, weshalb ich in Facebook bin. Ich kontrolliere mein Kind. Online. Und dabei bin ich nicht allein.

Denn irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass auch andere meinen Sohn ständig beobachten, ihm aber dieses Fremdanschauen nicht so sehr „stresst“ wie meine Präsenz in dem beliebten Netzwerk. Ganz im Gegenteil, damit er auch wirklich und ständig wahrgenommen wird, lädt er fast täglich neue Fotos von sich hoch und lässt sich die Kommentare wie „Oh mein Hüübscheeerrr“ gefallen – ohne dabei rot zu werden. So rot wie ich damals, wenn mich etwas in Verlegenheit brachte. Oder so rot der Weihnachtsmann. Der zumindest hat noch den Anstand sich rot zu kleiden, wenn ihm etwas Peinliches widerfährt. Zum Beispiel, wenn er im Zuge der Modernisierung selbst eine Facebook-Präsenz sein eigen nennen muss.

Denn jawohl, auch er ist drin, der Weihnachtsmann. Mit Bild und dem eindeutigen Beweissatz „Ja, es gibt mich wirklich“. Über 3.400 Facebook-Usern gefällt das. Sie schreiben allerdings nicht warum. Genau das würde mich aber interessieren. Warum ist es schön, wenn der Weihnachtsmann, statt Wünsche zu erfüllen, diese hübsch zu verpacken und pünktlich auszuliefern den ganzen Tag online chattet und spielt? Und überhaupt: Wie sollen Eltern gegen soziale Netzwerke argumentieren, wenn selbst der Weihnachtsmann sich seine Freunde nicht mehr im himmlischen Paradies, sondern im WorldWideWeb sucht? Und wie sollen wir unseren Kindern eine vernünftige Sprache nahe bringen, wenn Santa Claus im Chatt seine Sätze mit „Zwinker, zwinker“ beginnt und mit „lol“ beendet?

Besonders schade aber ist, dass der Mythos Weihnachten mit allem Drum und Dran im Zeitalter der Online-Kommunikation immer weiter verschwinden könnte. Vielleicht werden schon bald keine Wunschzettel mehr geschrieben, schön bemalt und ans verschneite Fensterbrett gelegt. Natürlich wird dann auch nicht mehr aufgeregt darauf gewartet, dass ein Engelein kommt um den Wunschzettel zum Weihnachtsmann zu bringen. Warum auch? Seine Wünsche kann man ja online posten oder per E-Mail versenden. 24 Stunden am Tag. Ganzjährig.

Genau das bringt mich auf eine Idee: Vielleicht sollte ich den Wunschzettel meines Juniors, den er selbstverständlich noch auf Papier schreibt und süß bemalt – sicher ist sicher –, einfach einscannen und bei Facebook posten. Vielleicht erfüllen die über 500 „Freunde“ meines „Hüübscheeennn“ dann ja seine Wünsche? Ich wäre dann in diesem Jahr fein raus und hätte Zeit ein zeitkritisches Zeichen zu setzen – und zwar in Form einer selbst gestrickten roten Bommelmütze. Diese zum Beispiel für den Fall, dass die Veröffentlichung seines Wunschzettels ihm zwar peinlich wäre, seine altergemäße Verpflichtung zum Coolsein ihm aber ein Rotwerden verbiete. Dann könnte er eine rote Mütze anziehen. Wie der Weihnachtsmann. Und ich hätte ein schönes Geschenk. *lol*.

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About Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.
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Über Sabine Saldaña Bravo

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