Warum Weihnachten weiß und still ist

Draußen hat es 31 Grad und ich esse Lebkuchen. Ich mache das zum ersten Mal und ganz ehrlich, es schmeckt irgendwie unpassend. Viel zu schwer. Und doch esse ich weiter. Aber nicht ganz so lange, wie bei winterlichen Temperaturen. Ich bin schneller satt und irgendwie spüre ich das ganze Fett auch schneller. Auf den Hüften und in meiner „Mitte“. An Weihnachten denke ich dabei nicht. Eher an meine Wäsche. Die aus dem Sommerurlaub.

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Da komme ich nämlich gerade her. Wie immer führt mich der Weg nach meiner Ankunft zuhause recht bald in den nächsten Supermarkt. Einkaufen eben. Und dieses Mal, Ende August, ist nicht nur der Urlaub endgültig vorbei, sondern, so scheint es, irgendwie schon das ganze Jahr. Es weihnachtet im Supermarkt und ich kaufe Lebkuchen. Aus reiner Neugier. Denn ich stecke noch mitten im Jahr. Es ist ein gutes Jahr. Das Jahr, in dem in meinem Einkaufswagen Grillfleisch neben Weihnachtsgebäck liegt.

Vielleicht ist das eine Art Rache des deutschen Einzelhandels an meiner Untreue. Denn im vergangenen Jahr, da bin ich Weihnachten ausgebüchst. In den Süden. Nach Cuba. Mojito statt Weihnachtspunsch. Und das komischerweise passte ganz gut. Es war auch nicht so schwer. Auf den Hüften. Und auch sonst, war das ganze Drumherum viel leichter, luftig und lustig. Die Menschen dort haben viel gelacht an Weihnachten und auch in der hektischen Vorweihnachtszeit. Und das, obwohl sie dort viele Wünsche hatten, die sie nie erfüllen konnten. Nicht für sich und nicht für ihre Kinder. Unerreichbar das Materielle aber so nah das Menschliche. Irgendwie scheint das lustig zu machen und leicht. Denn die Menschen dort tanzen an Weihnachten.

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Ich habe mir überlegt, was es in einem Land, in dem Tanz und Musik das Leben zu sein scheinen, für Folgen haben würde, wenn der Staat an solchen Feiertagen wie Weihnachten ein Tanzverbot aussprechen würde. Wie bei uns. Ich glaube, die Cubaner würden eine Revolution für den Tanz ausrufen. Für das Leben. Denn diese Menschen haben erkannt, was der Wert des Lebens ist: das Leben. Lebendig sein. Tanzen. Sich freuen. Musik. Miteinander. Das kann man nicht verbieten. Nur bei uns, so scheint es oft, kann keiner gleichzeitig Feiertagen und tanzen. Deshalb wahrscheinlich auch die Lebkuchen. Die machen schwer. Und wer will schon tanzen, wenn man sich sowieso nicht mehr bewegen kann. Da ist es schon praktisch, wenn draußen viel weißer Schnee liegt. Eine weitere Bewegungshürde.

Wir feiern das Fest um die Geburt Jesu eben anders, traditionell. Wir sind auch anders, konventionell. Vielleicht sind wir darum auch traurig, wenn wir wieder einmal keine weiße Weihnacht haben. Das gibt uns zu viel Freiraum. Feierraum. Da sind wir einfach überfordert. Mit Weihnachten. Und unseren schönen Kindheitsgefühlen. Aber dennoch: Wir haben sie. Diese aufregenden Emotionen, die immer wieder an Weihnachten versuchen die Herrschaft über unseren Verstand zu übernehmen. Die heimliche Vorfreude auf den Abend, der in unserer Sprache ein heiliger ist.

Einmal im Jahr wollen wir also zusammen gehören, lieben, feiern, warten und erwarten. Und dann passiert es: Wir sind zu schwer. Voll von Emotionen und Lebkuchen. Das soll in diesem Jahr anders werden. Ich werde an Weihnachten Mojito trinken. Unterm Weihnachtsbaum. Vielleicht hilft mir die Leichtigkeit der Erinnerung an das letzte Jahr die schweren Lebkuchen zu verdrängen und die wundervollen Kindheitserinnerungen herauszulassen. Sie zu feiern. Sie zu tanzen. So wie die Cubaner. Nur leiser. Denn, und davon bin ich überzeugt, wir fühlen am Fest der Liebe genauso wie die rassigen Insulaner. Nur feiern wir dieses Gefühl anders. Stiller eben. Und vielleicht ein wenig weiser.

Fotos © Sabine Saldaña Bravo

 

 

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About Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.
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Über Sabine Saldaña Bravo

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