Als Weihnachten seine Erwartungen verlor

„Kennen Sie schon unser kostenloses Postbank-Giro-Plus?“ säuselte der aggressionsresistente junge Post-Mann der wohl hundertsten Kundin in den letzten zwei Stunden mit einem einstudierten Lächeln entgegen. Ohne einen Hauch des Gespürs für die unglaubliche Hektik in der ach so staaden Vorweihnachtszeit leierte er diesen Spruch unaufgefordert jedem entgegen, der es wagte, seinen Schalter mit so einem banalen Anliegen wie Briefmarken kaufen oder Paket aufgeben aufzusuchen.

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Damals, als die Post auf genau diesem Fundament ihre Existenz begründete, fand ich es immer ziemlich klasse Briefe aufzugeben. Denn da durfte ich die Briefmarken abschlecken. Die schmeckten immer so süßlich, klebrig. Ich stellte mir dabei vor, wie es wohl so sei, als Brief auf Reisen. Ob man da etwas sehe von der großen weiten Welt? Ob der Briefträger manchmal gerne wissen würde, was da Schönes drinstehe, in dem Brief mit der angesabberten Marke drauf? Welche Geheimnisse? Welche Überraschungen?

Das interessiert heute Niemanden mehr. Denn alle Geheimnisse dieser Welt, werden frei Haus über Facebook gepostet. Und das hat manchmal eher einen bitteren Geschmack.

 

Jetzt war ich endlich dran. Drei Briefmarken à 55 Cent brauchte ich. Meine Weihnachtspost. Von Jahr zu Jahr verschickte ich weniger Weihnachtsbriefe, dafür mehr E-Mails mit lustigen Anhängen und schnelle SMS, an jeden, der mir grad so einfiel am Heiligen Abend zwischen spätem Frühstück und letztem Geschenkeinpacken. Da wünschte ich dann immer „viele Geschenke“. Warum eigentlich?

Im Grunde meines Herzens war ich doch eine Weihnachtskonsumgegnerin. Eine engagierte, berufstätige Mutter, die vor dem Fest der Feste immer feste Stress hatte. Wegen der Geschenke. Und der Weihnachtspost.

Jetzt auch noch das: „Kennen Sie schon unser kostenloses Postbank-Giro-Plus?“

Er meinte mich.

Ich zuckte kurz mit dem linken Augenlid.

Dann bohrte ich meinen starren Blick mitten in seine Augen. In alle beide.

Keine Regung. Etwa zehn Sekunden.

Dann sah ich den ersten Schweißtropfen.

Genüsslich schlängelte er sich von der rechten Geheimratsecke des Schalterchefs in Richtung Augenbraue.

Dort blieb er erschrocken und fest hängen.

Wie das tropfende Wachs einer Weihnachtskerze.

Langsam senkte ich meinen Blick und ging.

Stolz und mit einem inneren Lächeln, feierte ich meinen Triumph über das Giro-Plus und über mich. Über meine Ruhe.

Eigentlich flippte ich nämlich in solchen unglaublich unnötigen und total nervigen Situationen, rein stressbedingt natürlich, immer völlig aus.

Die erste Weihnachtshürde hatte ich also mit Bravour genommen. Es fehlten nur noch sieben große Geschenke für die engste Familie, also meinen Sohn (vier Geschenke), meine Mutter (ein Geschenk), meinen Freund (ein Geschenk) und mich (ein Geschenk) sowie zig „Kleinigkeiten“ für Freunde, gute Bekannte und meinen Vermieter. Ich wollte im kommenden Jahr seine Garage günstig anmieten. Er hatte kein Auto mehr. Vielleicht konnte ich schon zum Jahresende meinen Wagen vor Frost und Kälte schützen. Wieder mal so eine Erwartung.

Woher kommen die eigentlich? Die Erwartungen zur Weihnachtszeit? Und warum scheinen wir alle so absolut unwillig zu sein, wenn es darum geht, Weihnachten nicht auf so ein hohes Erwartungspodest zu stellen? Fast scheint es, als würden wir alle Jahr für Jahr wieder von ganz vorne anfangen.

Wir wünschen, wie das erste Mal, wir sind aufgeregt, wie das erste Mal und wir erwarten, dass unser Wünsche in Erfüllung gehen und sich unsere Spannung bis zum letzten Kribbeln abenteuerlich und doch wohlig anfühlt, eben wie beim ersten Mal.

Eigentlich kann das nur schief gehen.

Deshalb hatte ich in diesem Jahr einen Plan.

Ich wünschte mir zu Weihnachten, nichts zu erwarten. Das wünschte ich mir genauso stark, wie meine erste Barbie-Puppe zu meinem sechsten Geburtstag.

Und die habe ich schließlich auch bekommen.

Ich fing exakt am ersten Advent damit an, zu versuchen, nichts zu erwarten. Ich erwartete zum Beispiel nicht, dass mir jemand einen schönen und fröhlichen ersten Advent wünschte. Und prompt, stand am ersten Advent ein kleines Tütchen mit selbstgebackenen Plätzchen und einem wunderschönen grünen Schleifchen vor meiner Wohnungstür. Darauf klebte ein Herzchen mit dem Text: „Lassen Sie sich den ersten Advent gut schmecken, Ihre Frau Scheingruber“.

Frau Scheingruber ist meine Nachbarin. Seit drei Jahren. Das war ihr erster Adventsgruß an mich. Jetzt war ich motiviert und erwartete weiter einfach nichts. Jedenfalls manchmal. Denn ganz ehrlich: Immer nichts zu erwarten, das funktioniert nicht. Gar nicht. Ich hab’s ja ausprobiert. Es geht zum Beispiel nicht, kein Benzin zu erwarten, wenn man den Benzinschlauch an der Tankstelle in den Tank steckt. Dann wäre man nicht nur erwartungslos, sondern ziemlich bescheuert. Und das auch noch zu einem stolzen Preis. Nichts zu erwarten funktioniert eigentlich nur, wenn es um das Miteinander geht oder das Nebeneinander, so wie bei mir und Frau Scheingruber. Da fühlte sich das Nichts-Erwarten übrigens absolut köstlich an. Die Frau konnte göttlich backen. Das wusste ich drei lange Jahre gar nicht.

Es funktioniert auch nicht das Gegenteil von dem zu erwarten, was man eigentlich gerne erwarten würde. Weil man dann ja doch wieder etwas erwartet, nur eben etwas trotzig Unschönes.

Er ist schwer. Mein Plan. Vor allem heute. Denn heute ist Weihnachten.

Das konnte ich ganz schlecht verdrängen, denn mein Sohn erinnerte mich mit seinem erwartungsvollen Blick jeden kleinen Moment daran. Da, schon wieder! Erwartungen! Im Blick! Ich begegnete „ihnen“ heute großzügig und mit einem geheimnisvollen Schmunzeln. Fast schon fühlte ich mich ein wenig überlegen. So ganz ohne Erwartungen. Ich fühlte mich frei. Dafür drückte ich meinen Sohn an diesem Tag ganz oft an mich.

Das schien ihm zu gefallen, denn er suchte meine Nähe bei jeder unserer Begegnungen zwischen Clotüre und Flur, zwischen Kühlschrank und Kinderzimmer. Das war schön und warm und zog weite Kreise. Es schien, als läge etwas in der Luft. Etwas Besonderes.

Das erste Mal motzte er nicht, als ich vorschlug, wenigstens am Heiligen Abend mal in die Kirche zu gehen. Dort hielt er meine Hand. Er quengelte nicht, als wir meiner Mutter unseren alljährlichen Weihnachtsbesuch nach der Kirche abstatteten, sondern er genoss unser familiäres Zusammensein. Wir waren schon fast 15 Minuten bei seiner Oma, und er hatte noch nicht einmal gefragt: „Wann gibt es endlich Geschenke?“. Er freute sich den ganzen langen Abend darüber, mit den vielen lieben Menschen, die uns Nahe waren, zu verbringen, zu reden, zu lachen, zu sein.

Alles war so entspannt. Alles war Weihnachten.

Das also ist es, das Geheimnis dieser Tradition. Nichts zu erwarten und alles zu bekommen. Das mache ich im nächsten Jahr wieder.

Und nach den Feiertagen gehe ich zur Post. Ich muss ein Geschenk zurückschicken, umtauschen.

Ich werde zu dem Schaltermann mit dem Wachsschweißtropfen gehen.

Ich werde ihm eine zweite Chance geben.

Ich werde kein Konto eröffnen.

Ich werde nur nicht mehr so böse gucken.

Foto: Sabine Saldana Bravo

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About Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.
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Über Sabine Saldaña Bravo

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