Watschn verboten, SM erwünscht?

Ich hab es getan. Ich war im Kino und habe mir den Film „50 Shades of Grey“ angesehen. Mit mir im Kino waren eine Freundin gleichen Alters und einem Geburtsjahr weit vor der Jahrtausendwende sowie unzählige junger Mädchen, von denen ich mir nicht sicher bin, ob sie die Altersfreigabe dieses Films wirklich schon überschritten oder nur überschminkt hatten. Wie auch immer, ich frage mich seit jener Filmvorführung: was ist falsch gelaufen?

Vorab: Ich bin als Teenager auf keinen Fall von meinen Eltern misshandelt worden. Aber an die eine der andere Watschn kann ich mich sehr wohl erinnern. Und rückblickend muss ich zu jeder einzelnen sagen: Ich hatte sie verdient! Daraus entstanden sind bis heute kein Trauma und kein lebenslanger Streit mit meinen Eltern. Vielmehr blicke ich manchmal mit einem Lächeln zurück. Warum? Weil ich eben auch einmal jung war und meine Grenzen ausgelotet habe. Allerdings irgendwie „normale“ Grenzen.

Wild war damals anders

Ich kam zu spät von der Party nach Hause, habe meinen Eltern widersprochen und war pampig, habe die Schule nicht mit dem nötigen Ernst besucht und auch mal ein Bier zu viel getrunken. Ich bin verbotenerweise per Anhalter gefahren, habe mich mit den „falschen“ Leuten getroffen, heimlich geraucht und bin mit meinem ersten Freund samt rostendem VW-Käfer wochenlang in Griechenland verschwunden – ohne mich auch nur einmal daheim zu melden. Ich war also eine echte Wilde. Zumindest damals. Heute sind all diese Dinge entweder erlaubt oder nicht erstrebenswert. Und per Anhalter muss heute keiner mehr fahren, steht doch ein von den Eltern gesponsertes Neufahrzeug meist schon mit der Ausgabe des Führerscheins vor der Türe. Wann ist man also heute wild?

SM aus Langeweile und Übersättigung?

Ein neues Mini-Cabriolet ist wohl ebenso wenig ein Ausdruck von wild wie der stylische Cluburlaub für die Generation Y. Sex gibt es zu jeder Tages- und Nachtzeit ohne Altersbegrenzung im Internet zu sehen und Nächte durchfeiern unter 18? Gehört für Teenies zur Tagesordnung. Kontrolliert eh keiner. Also muss etwas Härteres her – wie SM?

Um nichts anderes geht es in dem verfilmten Bestsellerroman, in dem ein verwöhnter junger Mann nur noch Lust empfindet, wenn er Frauen schlagen und demütigen kann. Kommt das nun davon, weil er mit Mitte 20 einfach schon alles erreicht oder geschenkt bekommen hat, wozu unsere Generation noch ein ganzes Leben brauchte? Will er in Facebook auch mal was Tolles posten? Oder findet er sich und sein langweiliges Leben auf der Überholspur am Ende selbst so zum Kotzen, dass er andere dafür bestrafen will?

Kein Hauch von Erotik

Denn ganz ehrlich: erotisch war das Spiel zwischen Mann und Frau in dem Film nicht wirklich. Kleine zarte Ansätze eines Kribbelns wurden durch die ebenfalls durchgestylten SM-Utensilien – ich wusste gar nicht dass es so viele verschiedene Handschellen- und Peitschentypen gibt – im Keim erstickt. Da konnte sich die süße Hauptdarstellerin noch so lasziv winden. Und selbst das ist ihr am Schluss vergangen – mit sechs brutalen Peitschenschlägen, die man wohl durchaus als Folter bezeichnen darf.

Das alles passierte freiwillig und solle, laut Journaille „… das Leben in den deutschen Schlafzimmern revolutionieren“. Also, in mein Schafzimmer kommt mir keine derartige Revolution! Dann lasse ich es lieber ganz mit dem Sex und denke mir ganz still und leise: vielleicht hätte dem jungen Mr. Grey das eine oder andere Verbot, die kleine Watschn zum rechten Zeitpunkt und ein reduziertes Eltern-Kind-Verwöhnprogramm dabei geholfen, auch anders zu Hoch-Leistungen zu kommen. Grotesk: zeitgleich zum Film wird das Thema Gender-Mainstreaming heiß diskutiert – um die Gleichstellung der Geschlechter flächendeckend durchzusetzen. Nun, dann Mädels: holt euch die Peitschen, die Jungs wollen auch mal Aua kriegen.

 

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About Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.
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Über Sabine Saldaña Bravo

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