Shopping dahoam oder „Wahnsinn Größe 36!“

Es ist dieser eine unbeschreibliche Moment, der keine Ratio mehr zulässt, der mir eine freudige Röte ins Gesicht zaubert und der vergessen lässt, das ich mich auf der Zielgerade zum 50ten befinde und meine Hüften in der sicheren Weichheit eines zum Mensch gewordenen Knödelteigs gefangen sind. Es ist der Moment, in dem Margrit, die Heilsbringerin des mobilen „Kleiderschranks“, beim Anprobieren einer Jeans in Größe 38 laut, deutlich und für alle verständlich zu mir sagt: „Größe 38 ist dir vieeel zu groß. Nimm doch die 36!“

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Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich diese Jeans in Größe 36 auch gekauft hätte, wenn sie sich in grellem pink mit einem Hauch von Apfelgrün und strukturschwachem Pepita-Muster so formvollendet an mich herangeschmiegt hätte. Hat sie aber nicht. Ebenso wenig wie der Rest der zweimal im Jahr bei meiner Freundin Manu hereinschwebenden Kollektion eines dänischen Modelabels, welches Mode für erwachsene Frauen in normalen Größen, und nicht in minimal-italienischen Kindergrößen, anbietet. Das Vertriebskonzept: vergleichbar mit Tupperware, die Mode kommt zur Gastgeberin nach Hause. Das Modekonzept: Mode für Frauen mit normalen Figuren. Das Erfolgsgeheimnis: Margrit Holzmüller – die süßeste Verführung, seit es meine Taille nicht mehr gibt.

Pudertöne mit Dip und Prosecco

Und da sitzen wir wieder um den gleichen Tisch, mit Kräckern, Karotten, Dip und Prosecco. Wir, das sind immer so um die acht Damen, bestehend aus einem harten Kern und wechselnden Debütantinnen.

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Nachdem wir Margrit geholfen haben die Kleiderstangen und -säcke in den zweiten Stock hinaufzutragen, knabbern und quatschen wir uns erst einmal warm. So lange, bis Margrit die aktuelle Kollektion in eine Ordnung gebracht hat und mit der Präsentation beginnen kann. Ab jetzt braucht’s keinen Prosecco mehr, um unseren Blutdruck in Wallung zu bringen. Denn eines hat sie raus: die richtige Kombination von Blusen, Shirts, Hosen, Röcken und Jacken für jeden unserer Frauentypen. Ob blond, ob braun, ob Business- oder Lehrer-Look: wir alle quaken begeistert. So zirka 20 Minuten halten wir das auch aus. Dann hört man schon die Hufe scharren. Jetzt ist es soweit: Wir wollen anprobieren. Nur so viel: Puder ist Trend. Der Rest ist: ausziehen – anziehen – ausziehen – anziehen!

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Im Gegensatz zum Kaufhaus, gibt es hier keine Kabine. Und so liegen unsere eigenen Klamotten meist irgendwo, während die neue Mode nach dem Probieren wieder fein säuberlich auf den Kleiderbügel gehängt oder einfach an die nächste Dame weitergegeben wird. Meistens jedenfalls. Denn es kommt schon vor, dass eine Dame, nennen wir sie mal Elisabeth, so begeistert von einer Hose oder einer Bluse ist, dass man sie ihr schon fast gewaltsam vom Leibe reißen muss, um diese auch anprobieren zu können. Da, hört die Freundschaft auf. Frauen wissen das. Und wir natürlich auch. Und so kommen wir schlussendlich alle zum Zug. Früher oder später. Und nicht, ohne die Kommentare unserer Mitstreiterinnen. Genau das ist es, was diese Einkaufstour so perfekt macht: Der gnadenlose Blick der Anderen. Denn was bei einer toll aussieht, macht die andere zu blass, was auf dem Bügel faad wirkt, bringt plötzlich Leben in unser Alltags-Outfit. All das unter dem kritischen Auge einer Horde Weiber in Shoppinglaune – und von Margrit. Sie weiß meist nach dem ersten Kennenlernen in welcher Größe uns welches Kleidungsstück passt, welcher Schnitt unserer Silhouette schmeichelt und wovon wir besser die Finger lassen. Der Vorteil: Fehlkäufe sind so gut wie ausgeschlossen. Der nachteil: Oft wartete man ein bis drei Wochen auf seine Ware.

Gute Gespräche als Accessoires

Ganz nebenbei, zwischen all den Blusen, Pullovern, Strickjacken, Hosen, Schals und Kleidern, ergeben sich tolle Gespräche – auch weit über die Mode hinaus. Denn die meisten Mädels kennen sich schon lange und mit frischem „Blut“ ist ja auch immer gut plaudern.

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Zumal das Drumherum so schön passt. Und so ist dieser Termin mit Margrit, ihrem Kleiderschrank und der Mädelsgruppe, für mich ein wichtiger. Denn hier kann ich in Ruhe anprobieren, kombinieren und um Rat fragen, hier kann ich über das Dies und das des Alltags plaudern, neue Rezepte, Wein- und Kinotipps einholen. Wenn es sich ergibt, dann bleiben wir am Schluss noch auf ein Gläschen zusammen sitzen, einfach so. Und wenn dann nach ein paar Tagen unsere bestellten Outfits per Post geliefert werden, freuen wir uns gleich nochmals und sind schon gespannt auf die nächste Kollektion im Frühjahr. Wahrscheinlich ist dann Puder out. Aber am „Rest“ wird sich nichts ändern.

Fotos: © Sabine Saldaña Bravo

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About Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.
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Über Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.

2 Gedanken zu „Shopping dahoam oder „Wahnsinn Größe 36!“

  1. Elaisa (Künstlername)

    Der Wahnsinn, Sabine!!!! (aber so schlimm wie in der Geschichte beschrieben bin ich nicht…oder etwa doch????)

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  2. Rösi Bugatti

    Oohs, wie zauberhaft! Wie viele schöne Stunden haben wir beim Shoppen und mit vielen guten Gesprächen zusammen verbracht…den Knödrlteig kenne ich übrigens auch, er ist mir ein treuer Begleiter geworden.

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