Hinter jedem „ich kann nicht“ steckt oft ein „ich will nicht“ oder ein Hardwareproblem!

Entwürdigend! Jawohl! Ein anderer Ausdruck für das, was ich zum Glück nicht sehen aber IMG_0610dennoch durchleiden muss, fällt mir angesichts der Situation nicht ein. Nur so viel vorneweg: mein look and feel entspricht nicht der aktuellen Jack Wolfskin Werbung für das pralle Outdoor-Vergnügen. Ich fühl mich sch… und sehe wahrscheinlich auch so aus. Denn ich fahre Fahrrad. Bergauf. Okay. Ich schiebe …

… und das war so nicht geplant. Denn eigentlich wollte ich Urlaub machen, mich entspannen, erholen und ein bisschen radeln. Eben das, was coole Männer und Frauen heute so in ihren Urlauben machen. Nur abhängen ist ja irgendwie so gar nicht mehr in. Und da ich für Free-Climbing und Bungee-Springen schon aufgrund meines ausgeprägten Hanges zur Mimosenhaftigkeit nicht geeignet bin, war Radfahren eigentlich O.K. Jedenfalls die letzten vier Jahre. Im Urlaub. Mit meinem Liebsten Ich fühlte mich also auf der sicheren Seite. Allerdings nicht lange. Denn ich hatte die Rechnung ohne Südtirol gemacht. Da wollten wir ursprünglich zwar nicht hin. Dann aber kam das Wetter. Nämlich das schlechte, und wir mussten spontan unser Urlaubsziel ändern, wenn wir nicht auf dem Campingplatz am Bodensee in denselben hineingespült werden wollten, vom Dauerregen.

Immer schön am Boden bleiben!

So kam es, dass wir einen Tag vor unserer Abreise das Internet befragt haben, nach gutem Wetter. Die einzige halbwegs annehmbare Prognose spuckte wetter.com für Südtirol aus, genauer für den Kalterer See. Der war mit dem Wohnmobil schnell zu erreichen und guten Wein gibt’s da auch. Der Grundstein für einen Urlaub, der diesen Namen verdient, war mit dieser Entscheidung super gelegt – dachte ich. Bis zur ersten „kleinen“ Tour mit dem Rad vom Kalterer See bis nach Kaltern. Ein Katzensprung. Für Katzen, Menschen ohne Gefühl und dem ehrgeizigen Ziel immer weiter nach oben zu kommen. Wer mich kennt, weiß, dass ich weder ein geschmeidiges Fell, zarte Pfötchen oder gar einen Faible für Höhenlagen habe. Ich bin durch und durch bodenständig. Das meine ich wortwörtlich so. Und noch eins: Boden ist das, wo ich immer rauf komme und von dem ich nie herunterfalle.

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En Detail: der zunächst zivilisiert ausgeschilderte Radweg nach Kaltern war eine einzige Tortur. Denn die verschlungenen Pfade führten zwar durch traumhafte Weinberge und die beginnende Apfelblüte, aber: immer bergauf. GNADENLOS. Gefühlte 100 Kilometer. Und das, obwohl der Kirchturm von Kaltern sichtbar war. Die ganze Zeit über. Er kam nur nicht näher. Und das lag nicht NUR an mir. Denn die Radwegbauer hatten noch nichts von kürzester Entfernung oder effektiver Wegführung gehört. Die haben einfach mal, wie es gerade lustig war, den Weg mal rauf, mal runter, mal mit Kurven, dann wieder geradeaus, immer am Wein entlang gebaut – und selbigen wahrscheinlich dabei en Masse gekostet.

Nüchtern betrachtet kam ich an diesem ersten Radtag jedenfalls nicht in Kaltern an. Denn nach etwa einer Stunde des hauptsächlichen Radschiebens, tat mir alles weh – vor allem die Schulter. Vom 15%-Steigung-Schieben. Mein Herz raste, mein Puls war vor Wut auf geschätzten 200 und mein Freund, der im Übrigen lässig auf seinem Rad neben mir herfuhr – ja! Der saß auf seinem Rad! – begleitete meine Tobsuchtsanfälle in Schrittgeschwindigkeit und keuchte nicht einmal! Noch nicht mal aus Solidarität, Liebe oder einfach nur aus Verständnis.

Einkehren ist immer eine Lösung!

Am nächsten Tag hatte ich mich vom ersten Südtirol-Schock erholt, radelte sogar – eine „leichtere“ Tour – und erfreute mich der anderen Sehenswürdigkeit abseits der Radlerpisten: im Buschenschank. Diese urig-gemütlichen Schankstätten bieten an nur 180 Tagen im Jahr kulinarische Spezialitäten feil, welche allesamt selbstgemacht sind. Das schmeckte man. Und mit den Nachbarn ins Plaudern kam man auch. Unter anderem mit einem Ehepaar, welches ebenfalls zum Radeln in Südtirol unterwegs war. Er Sportradler. Sie mit E-Bike. Auch eine Möglichkeit, die Berge zu erzwingen. Aber ganz ehrlich: alles, wo ich mit eigener Kraft nicht rauf komme, da will ich auch nicht hin. Und so packte mich nach dem zweiten oder dritten Schoppen plötzlich der Ehrgeiz: ich wollte nach Kaltern radeln. An dieser Gradwanderung der Motivation war allerdings nicht nur der Wein Schuld, sondern auch die Erkenntnis, dass mein Rad für derartige Touren eigentlich „nicht ganz so optimal“ sei. Aha. Meine „leichten“ Schwächeanfälle auf Radtour Südtirol die Erste waren nicht nur Resultat meiner Software, sprich der sportlichen Konstitution – die ist nämlich gar nicht so schlecht. Es lag auch ein „Stück weit“ an der Hardware. Die ist optimal für den landläufigen Stadtverkehr, erfuhr ich ganz nebenbei im Geplauder. Merke: Kaltern ist ein Bergdorf!

Und so kam es, dass ich am Tag nach der Einkehr im Buschenschank nach Kaltern radelte. Nur zweimal musste ich für ein kurzes Stück absteigen – Hardwareproblem. Danach ging`s weiter. Um wie so oft im Leben stellte ich mal wieder fest: Alles eine Sache der Einstellung und des Wollens. Und nein: ich will kein Rad mit Elektroantrieb. Ich will auch nicht lernen, wie toll man mit einer „richtigen“   Schaltung und mit 27 Gängen ganz easy tolle Berge erzwingen kann. Ich will in meinem Urlaub einfach nur das machen, was mir Spaß macht – dann klappt’s auch mit dem look and feel. Und auf die Frage, warum mein Schatz mir bei der ersten Kaltern-Tour denn nicht gleich gesagt habe, dass diese Steigungen mit meinem Rad nur schwer zu wuppen seien, antwortete er lapidar, es gäbe Momente wo es wohl grundsätzlich besser sei, nichts zu sagen und einfach mal einen Gang runter zu schalten.

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About Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.
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Über Sabine Saldaña Bravo

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Ein Gedanke zu „Hinter jedem „ich kann nicht“ steckt oft ein „ich will nicht“ oder ein Hardwareproblem!

  1. Brigitte Schuster

    Hallo Bine, Du hattest ja schon immer einen ausgeprägten Dickkopf, aber Hut ab das Du diese Radtour dann doch noch gemacht hast.
    Deine GROßE Schwester
    Gute Geschichte

    Antworten

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