Eine kurze Geschichte des Loslassens – von einem Naturwissenschaftler!

Heute ist ein Moment – da muss etwas weg. Weil es einfach zu viel wurde im Haus. Wir Menschen auf diesem Planeten bauen uns unsere Wirklichkeit. Mit allerlei Konsequenzen. Das ist schon merkwürdig. Als junges Paar schafft man zunächst allerlei an, zum Wohnen, zum Freuen aber auch zum rein praktischen Gebrauch. Dann kommen in vielen Fällen die Kinder.

(Unsere Tochter zog aus)

Auch sie brauchen viel, sie brauchen Dinge, die wir als Eltern ebenfalls lieb gewinnen und die wir demgemäß auch später festhalten wollen, als Erinnerung. Denn auch sie hatten sich einmal darüber gefreut. Und nach einem Wimpernschlag ist man alt und die Kinder groß. Das verstehe ich nicht. Andererseits – was ist schon die menschliche Lebensspanne gegen die astronomischen Größenordnungen!

Ich selbst bin vor Kurzem sechzig geworden. Das ist lächerlich gegen den über vier Milliarden Jahren unserer Erde! Sechzig Sonnenumrundungen: Und den Menschen allein gibt es schon – jedenfalls soweit wir wissen – seit rund einer Million Jahren. Wohin also, zum Kuckuck, mit dem alten Gegenstand, der jetzt nur Platz wegnimmt?

Jeder von uns hat etwas Anderes: Du das kleine Zugspielzeug von unserer Tochter, ich das Stofftier unseres Sohnes. Keiner benötigt es mehr. Und die vielen, kleinen Bauklötze, Spielzeugautos und Bücher? Ja, die Bücher: Mir widerstrebt es grundsätzlich, Bücher wegzuwerfen. Alle Bücher dieser Welt sollten in irgendein Archiv, das der ganzen Menschheit gehört, finde ich. Und rege mich nicht über Google auf und deren Einscannen von Büchern. Die machen es richtig!

Aber ich schweife ab. Es ist diese seltsame Sache mit dem ‚Loslassen‘. Jeder Psychologe sagt, man solle ‚loslassen können‘, als ob es sich dabei um eine besondere Fähigkeit handelt!

Als mein Vater starb, das war bereits 1988, da sagte meine Mutter zunächst voller Grauen: ‚Jetzt liegt er da unten in der Erde und vermodert‘. Aber, wie durch eine plötzliche Erkenntnis (und ich hatte wirklich nichts dazu getan), sagte sie dann fast wörtlich: ‚Dann wurde mir klar, jedes Krümelchen Erde ist Leben! ‘

Ich habe diesen Satz jedenfalls behalten. Auch, weil ich die Entstehung der Erde und des Sonnensystems kenne, denn daraus folgt: Wir sind Kinder des Sonnensystems, ja des ganzen Weltalls. Nicht nur, dass wir im Moment des Urknalls alle zusammen waren, in diesem ultra-heißen und dichten Moment, als Zeit und Raum begannen. Nein, es war später dann auch notwendig, dass ganze Generationen von Sternen die schwereren Elemente ‚erbrüteten‘, wie man in der Astrophysik sagt. Bis der Kohlenstoff entstand, jenes Element, aus dem wir letztendlich alle hauptsächlich gemacht sind.

Also ist tatsächlich jedes Stück Erde mit uns verwandt, es ist sogar wahrscheinlich, dass unsere Körper einmal zu einem anderen gehörten, jedenfalls teilweise, oder – zu einem Spielzeug eines anderen Kindes, früher und in Zukunft…Also kann ich den früher geliebten Gegenstand, das Auto, die Puppe, getrost entsorgen?

Da durchfährt es mich wie ein Schock: Wir wissen ja, was am Ende mit unserem Universum geschieht. Oder wissen Sie es noch nicht? Für diesen Fall skizziere ich es einmal kurz: Seit einigen Jahrzehnten haben die Physiker ein Problem. Sie können sich die beschleunigte Ausdehnung unseres Kosmos nicht erklären. Denn es steht geradezu mathematisch fest, dass er über alle Grenzen wächst und das auch noch beschleunigt!

‚Dunkle Energie‘ ist hier das Stichwort. Sie verhindert, dass die Schwerkraft aller Massen im All dieses wieder am Ende aller Zeiten kollabieren lässt, so dass sich alle Materie wieder findet. Also eine Reise ohne Wiederkehr, leider!

Unsere Nachbargalaxien, Sonnen und Planeten ‚verdünnisieren‘ sich also am Ende aller Zeiten, bis sprichwörtlich ‚nichts‘ mehr übrig bleibt als – Raum, genauer gesagt, Vakuum, dieses leere Etwas, das das Getränk in unserer Thermosflasche warm hält, wenn hier auch in unvollkommener Form.

Müssen wir also tatsächlich wirklich ‚loslassen‘? Kommt am Ende sozusagen der letzte große Akt des Abschied-Nehmens, nach dem sich in der Tat nichts mehr wiederfinden lässt?

Nach allem, was wir heute wissen, sieht es so aus: Unsere lieben Mitmenschen, wir selbst und unsere Dinge um uns werden einmal in fernen Zeiten über das gewaltige Meer des Weltalls verstreut werden. Das ist so, als ob jemand uns förmlich zum Loslassen ‚erziehen‘ will und dazu sagt: ‚Haltet nichts aus dieser Welt fest, ihr behaltet es sowieso nicht! ‘ Wir besitzen also im Grunde gar nichts, alles ist nur geliehen und das bestätigt auch noch die moderne Physik!

Frustriert lasse ich das Spielzeug meiner Kinder wieder sinken. Ich habe ein Grauen vor der Mülltonne. Warum eigentlich?

Es dauert eine Weile, bis ich der Sache auf den Grund gekommen bin. Ich möchte Achtung und Respekt. Ganz einfach Respekt vor der Geschichte, die hinter allem steht. Genauso wenig, wie ich die Menschen, die ich geliebt habe, einfach verscharre, kann ich etwas entsorgen, das eine Geschichte hinter sich hat. Und deshalb muss ich, müssen wir alle immer wieder das beachten, was wir zum Beispiel im Buch der Bücher an einer bestimmten Stelle lesen können, wenn wir ob des Ganzen nicht verzweifeln wollen: Es sind die Sätze ‚Jedes Haar auf deinem Haupte ist gezählt‘ und ‚Ich habe dich genannt bei deinem Namen!‘ Sie sind beispielhafte Anleitung für uns.

Wenn wir uns Menschen und Dinge, die wir einmal geliebt und geschätzt haben, noch einmal in ihrem ganzen Wert vor Augen führen und für ihre Existenz danken, dann ist der erste Schritt gegen die Verzweiflung über das Loslassen getan!

Bildrechte Johannes Heichler

 

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About Johannes Heichler

Beruflich habe ich mit Nachrichtentechnik und Physik zu tun, und zwar in Unterföhring. Wir senden im Rahmen des digitalen Fernsehens über Satellit in alle Welt. Privat faszinieren mich alle Fragen hinsichtlich 'Seele und Bewusstsein' und ihr Zusammenhang mit unserer Welt und den Naturgesetzen. Als Hobbys habe ich u.a. Video und Audio, ich bin großer Klassik-Liebhaber in der Musik.
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Über Johannes Heichler

Beruflich habe ich mit Nachrichtentechnik und Physik zu tun, und zwar in Unterföhring. Wir senden im Rahmen des digitalen Fernsehens über Satellit in alle Welt. Privat faszinieren mich alle Fragen hinsichtlich 'Seele und Bewusstsein' und ihr Zusammenhang mit unserer Welt und den Naturgesetzen. Als Hobbys habe ich u.a. Video und Audio, ich bin großer Klassik-Liebhaber in der Musik.

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