Du musst doch einen Namen haben

Johanna mag Namen. Johanna vergibt Namen.

Und zwar an jedes Lebewesen, das noch keinen Namen hat. salto del pesce rosso

Aber auch an Lebewesen, von denen Johanna die Namen nicht weiß.

Und damit sind nicht Namen wie „Hund“, „Katze“, „Maus“ gemeint,

sondern Namen wie „Lisa“, „Kevin“ oder „Max“.

Solche Namen würde Johanna jedoch nie vergeben.

Doch dazu kommen wir später.

Johanna benennt also. Und so kann es passieren, dass eine lästige Eintagsfliege plötzlich zur lustigen Henriette wird, oder der leicht übergewichtige Goldfisch im Gartenteich von Johannas Gitarrenlehrer Herrn Hoheton – ja genau, der kleine orange-weiße Fisch mit dem langweiligen „Blubb“ – zur stolzen Walburga getauft wird. Selbstverständlich ohne zusätzliches Wasser. Das nämlich mag der Lehrer mit dem Blues im Finger nicht: „Sakrament, jetzt is der bleede Teich scho wieda überglaffa zwengs dem Reng, I hobs ja glei gsagt, die Pfützn macht nua Oabat“, wusste er zu Beginn der letzten Gitarrenstunde zu berichten.

Das Schöne an der Vergabe von Namen ist für Johanna aber immer die Suche nach dem passenden „Geruf“. Da ist sie wählerisch, wägt sorgsam Pro und Contra ab und bedient sich auf der Suche nach dem Supernamen schon einmal des Stammbaums einer Familie aus dem dunklen Mittelalter oder aus dem geheimnisvollen Elfenland. Das beide Welten gegensätzlicher nich sein könnten, tut dem guten Zweck der Namenssuche gut. Denn Namen sollen nicht einfach nur Namen sein. Vielmehr geben sie dem frisch Benannten auch noch eine Geschichte gratis mit dazu. Und wer eine eigene Geschichte hat, der ist schon plötzlich mehr als nur ein fetter Fisch mit wenig „Blubb“.

Und wenn man es ganz genau nimmt, ist genau da der Hund, oder wenn es nach Johanna ging, der Lanzelot, begraben: Namen können Geschichten sein. Wenn wir auf die Welt kommen, haben wir aber gerade das noch nicht, dafür aber einen Namen. Was also tun, wenn der Name irgendwann nicht mehr zur Geschichte eines Mannes oder einer Frau passt? Was, wenn die wunderhübsche Hildegard eigentlich viel mehr eine Isabelle ist? Oder wenn der schüchterne Marcel zum stolzen Stefan heranreift? Sollen wir dann unsere Namen ändern oder unsere Geschichte? Oder ist gerade das das Spannende, dass unser Namen unsere Geschcihte nicht verrät? Dass jeder, der unsere Geschichte kennen will, einfach mehr Zeit mit uns verbringen muss, als einer, der nur nach unserem Namen fragt? Am besten, wir fragen mal Johanna, welchen Namen sie denn für uns parat hätte. Und wenn er uns nicht gefällt, dann machen wir einfach „Blubb“ und springen in den Gartenteich zu Walburga.

Bild ©fotolia_Jeremy_3079

 

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About Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.
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Über Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.

3 Gedanken zu „Du musst doch einen Namen haben

  1. TimoTiming

    Unsere Schildkröte Rupert ist möglicherweise ein Mädchen.

    Frida definitiv. Puh. Das passt wenigstens schon mal.

    Antworten
    1. Brigitte

      Sehr liebenswert, deine kleinen Geschichten! Es macht einen Heidenspaß, deine Helden im Alltag zu beobachten- manchmal kommt man sich dabei schon ein wenig ertappt vor…
      Weiter so, der Blog ist eine tolle Idee!

      Antworten

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