Vogelproblem

Wir nennen sie mal M und sie ist die Mutter einer kleinen Vogelfamilie mit 3 Kindern, ihrem Mann und dem Opa. Man ernährte sich wie die anderen Vögel, man aß Früchte, Beeren, Würmer etc.

Die Kinder waren noch sehr klein, konnten gerade ein wenig fliegen, aber bei der Essenssuche mussten Vater und Mutter noch helfen. Saldana_regenbogen

Es war eine glückliche Familie.

M besuchte manchmal einen Strauch mit Früchten und aß diese sehr gerne. Am Anfang war es nur einmal die Woche, danach jeden Tag. Zuerst freuten sich die Kinder, dass die Mutter nach dem Genuss der Beeren so lustig und ausgelassen war. Aber mit der Zeit bemerkten sie, dass die Mutter sich von der Familie zurückzog und immer mehr ihr eigenes Leben führte.

Auch bei der Essenssuche war sie nicht mehr behilfreich und lernte den Kindern auch nicht wie man selbst das Essen sucht. Wenn der Vater nicht gewesen wäre, kann man davon ausgehen, dass die Kinder verhungert wären.

M kam eigentlich nur noch zum Schlafen ins Nest. Sprach mit den Kindern nicht mehr und sagte nur, dass sie müde und deprimiert sei. Wenn sie dann aufwachte flog sie sofort zu dem Strauch mit den Beeren und aß jeden Tag mehr davon.

Eines Tages griff ein großer Vogel das Nest an. Die Mutter schlief so tief, dass sie es gar nicht bemerkte. Die Kinder schrien um ihr Leben. Dies hörte der Vater der gerade von der Essenssuche zurückkam. Er kämpfte heftig mit dem großen Vogel, so dass dieser wieder wegflog. Der Vater wurde aber so stark verletzt, dass er auf einmal aus dem Nest abstürzte und nicht mehr wieder kam.

Als M wieder aufwachte, erzählten die Kinder was passiert war. Dies interessierte aber die Mutter gar nicht, sondern flog zu ihren Beeren und aß ein Übermaß von ihnen.

Jetzt war sie wieder glücklich und flog verträumt davon.

Die Kinder riefen, wo ist unser Vater, wo ist unsere Mutter, wir haben Hunger.

Da flog der Opa vorbei und die Kinder erzählten ihm die Geschichte. Es war sehr traurig alles dies zu erfahren. Er sagte: Ich bin schon sehr alt und kann euch kein Essen mehr bringen, aber ich werde euch lernen das Essen selbst zu suchen.

Eines kann ich aber euch jetzt schon sagen: Von dem Strauch mit den schönen Beeren dürft ihr nichts essen, zuerst wird man lustig, freudig, hemmungslos – danach deprimiert, traurig und man hat keine Lust mehr zu arbeiten – so wie bei eurer Mutter.

In der Zwischenzeit ernährte sich M ausschließlich von den Beeren, aß keine Würmer, Früchte etc. mehr.

Beim nächsten Besuch von M bei dem Strauch flogen zwei Wächter auf sie zu und sagten: Erst musst du uns was zum Essen bringen, dann darfst du die Beeren essen.

M suchte wie wahnsinnig nach Essen – nicht für ihre Kinder – sondern für die Wächter. So ging es Tag für Tag.

Vor Erschöpfung und einer Art von Rausch konnte M oft ihr Nest nicht mehr finden. M wurde immer magerer, kraftloser, vergesslicher, deprimierter und hatte nur noch den Wunsch von einem großen Vogel gefressen zu werden.

Bei einem Anflug auf den Strauch flog Opa zu ihr und sagte: Meine Tochter, du warst die schönste Vogeldame der Gegend – jetzt bist du die Hässlichste. Die Kinder schämen sich für dich und möchten nicht mehr, dass du wie betrunken im Nest liegst.

Meine Tochter, du hast viel Unheil über deine Familie gebracht, wann hast du dich das letzte Mal um deine Kinder gekümmert? Wann hast du das letzte Mal einen Ausflug mit ihnen gemacht? Wann hast du das letzte Mal deine Federn geputzt? Immer und immer wieder hast du diese verdammte Pflanze besucht. Es handelt sich um eine Drogenpflanze – ich habe dich schon davor gewarnt -. Von den Beeren wird man abhängig und man wird schwer krank. Meine Schwester ist daran gestorben.

Wenn du weiter leben willst, musst du sofort aufhören die Beeren zu essen. Du bist nicht der einzige Vogel der von den Beeren abhängig geworden ist.

15 Flugminuten von hier lebt der “Drogipabst”. Dort treffen sich die Vögel die auch das Drogenproblem haben und der Drogenpabst hilft ihnen wieder auf den richtigen Weg zu kommen, so dass man nicht mehr abhängig wird. Damit deine Familie sieht, dass du nicht mehr die Beeren frisst musst du jeden Tag von diesem Strauch dort die Früchte essen. Solltest du aber wieder Beeren essen bekommst du einen roten Schnabel und alle sehen, dass du wieder die Droge genommen hast.

M flog jeden Tag zur Vogeltherapie beim Drogipabst.

Nach 3 Wochen konnte sie wieder normal essen und nahm wieder an Gewicht zu. Auch zum Federfriseur flog sie und wurde von Tag zu Tag wieder hübscher.

Eines Tages flog sie wieder über die schönen Blumenfelder und hörte auf einmal wie 3 Pipsstimmen “Mutti, Mutti” riefen. Ja, es waren ihre Kinder und freuten sie so sehr, dass man wieder gemeinsam einen Familienausflug machen konnte. Auch der Opa flog langsam hinterher.

Plötzlich kam ein ganz schräg fliegender Vogel auf sie zu. Ein Flügel war so schwer verletzt, dass der Vogel ihn kaum benutzen konnte. Die Flugform erinnerte an das deutsche Kampfflugzeug Stuka bei einem Angriffsflug im 2. Weltkrieg. Der Vogel kam immer näher und näher. Auf einmal erkannten die Kinder ihn und riefen “Vater, Vater”.

So war die kleine Vogelfamilie wieder zusammen und flogen freudig über die Landschaft. Immer wieder rief man gemeinsam: „Nie wieder Drogen, nie wieder Drogen”.

 

Bild © Sabine Saldaña Bravo

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About Klaus-Dieter Oettrich

Klaus-Dieter Oettrich aus Stuttgart ist Versicherungskaufmann und Betriebswirt. Schon in seiner Ausbildungszeit war seine Leidenschaft das "Schreiben" 1979 wanderte er mit seiner Familie nach Spanien an die Costa del Sol aus. 1989 zog er nach Madrid um im Vertriebsmanagement deutscher Produkte tätig zu sein. Gründete Vertriebsgesellschaften etc. 2011 übergab er die Firma seiner Tochter und war noch als Seniormanager tätig. Ab Ende 2014 widmete er sich nur noch um das "Schreiben" lustiger, nachdenklicher und sehr spannenden Geschichten. Er lebt nun mit seiner Familie mit vielen Tieren auf einer Finca bei Madrid
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Über Klaus-Dieter Oettrich

Klaus-Dieter Oettrich aus Stuttgart ist Versicherungskaufmann und Betriebswirt. Schon in seiner Ausbildungszeit war seine Leidenschaft das "Schreiben" 1979 wanderte er mit seiner Familie nach Spanien an die Costa del Sol aus. 1989 zog er nach Madrid um im Vertriebsmanagement deutscher Produkte tätig zu sein. Gründete Vertriebsgesellschaften etc. 2011 übergab er die Firma seiner Tochter und war noch als Seniormanager tätig. Ab Ende 2014 widmete er sich nur noch um das "Schreiben" lustiger, nachdenklicher und sehr spannenden Geschichten. Er lebt nun mit seiner Familie mit vielen Tieren auf einer Finca bei Madrid

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