Mini. Mal. Ist. Kapitel 1

„Eine Fünf in Mathe war ja kein Weltuntergang. Profil_Neu_Rose_Cove#7EFBC1

Zumindest  redete ich mir das ein.

So zirka eine halbe Stunde lang.

Und dann ging sie unter.

Meine kleine Welt.“

So geht die Fortsetzung meines Romans PROFIL.NEU.ROSE. weiter…

 

Von Minute zu Minute wurde nämlich immer deutlicher, dass genau diese eine und erste Fünf meines Sohnes zu Beginn der vierten Klasse einer bayerischen Grundschule bereits das Aus war für seinen Übertritt in eine weiterführende Bildungsanstalt. Soweit jedenfalls reichten meine Mathe- und Mutterkenntnisse: Ein Ausgleich durch bessere Noten bis hin zu einem Befriedigend war einfach nicht möglich.

Nicht bei meinem Gabriel. Nicht, nachdem ich meinem Kleinen schon in der dritten Klasse beim einfachen Subtraktionsverfahren keinen Support mehr geben konnte.

Denn, wie bei der Rechtschreibung auch, hatten sich schlaue Spezial-Pädagogen etwas wirklich Innovatives einfallen lassen. Von wegen, man brauche das Rad nicht zweimal zu erfinden. Ha! Wir sind hier schließlich in Bayern! Dem Bundesland mit der Lizenz zur Zukunft.Jedenfalls wurde von heute auf morgen plötzlich nicht mehr so subtrahiert wie es Generationen von Schülerinnen und Schülern gelernt hatten, sondern einfach mal einen Tick moderner und echt trendy.

Nur leider begriff ich die Handhabung des Minuszeichens auf dem neuen Laufsteg der Zahlen nicht. Und mein Gabriel eiferte mir da eifrig nach.  Ich war halt einmal sein Vorbild. Dagegen kam ich nicht an.  Beim richtigen Ergebnis leider auch nicht.

Jedenfalls erinnere ich mich nicht wirklich gerne daran, als ich still und heimlich versucht hatte seine Mathe-Hausaufgaben strickt nach den Vorgaben der neuen Minus-Masche zu lösen.Nicht eine Aufgabe habe ich zum richtigen Ergebnis gebracht.

Ich. Marlene. 41 Jahre alt. Allein erziehende Mutter. Seit fast zehn Jahren selbständige Masseurin und großartige Geliebte von Sepp Oberkraitner, der bayerischen Antwort auf Bud Spencer, war nicht in der Lage 1748 minus 325 zu rechnen.

Und wenn man es ganz genau nahm, war ich auch noch selber schuld daran. Denn zirka drei Wochen bevor die neue Rechenart feierlich ihren Einzug in das Klassenzimmer der 4a, also der Klasse in der auch Gabriel die Schulbank drückte, halten sollte, fand ein Elternabend statt. Und zwar ein besonderer. Ein Rechen-Eltern-Abend: „ … bitte bringen Sie einen Block und bunte Stifte mit. Gemeinsam werden wir uns spielerisch dem neuen und stark vereinfachten Subtraktionsverfahren (Minusrechnen, Anm. der Lehrerein) annähern.“Genau dieser Satz stand in der Einladung an die Eltern. Genau deshalb bin ich nicht zu dem Elternabend gegangen. Ich hatte keine bunten Stifte und ich hatte keinen Bock auf Rechnen. Noch nie. Dafür gab und gibt es Zeugen. Ich war also schuld. Mal wieder. Wie immer. Doch dieses Mal war es nicht zu spät. Ich hatte noch 26 Schulwochen bis zum Übertrittszeugnis.Zeit genug also, einen Plan zu entwickeln, positiv Denken zu üben und mit Paula ein Gläschen Prosecco zu trinken.Paula ist meine Nachbarin und außer für Prosecco ist sie auch hin und wieder für einen guten Plan zu haben. Da genau dies aber bei unserem letzten Versuch nicht ganz so gut geklappt hatte, entschied ich mich dieses Mal für einen Alleingang.Zunächst jedenfalls.

Wer mich kennt, der weiß, dass es mir UNGLAUBLICH schwer fällt, Dinge für mich zu behalten. Insbesondere, wenn ich mich sehr stark auf etwas fokussiere, müssen meine Gedanken raus. Sonst platze ich.Dabei bin ich keineswegs eine Plaudertasche. Es ist nur so, dass ich meine Lieben gerne an meinem Leben teilhaben lasse. Und zwar gerne auch mal etwas detaillierter. Ob sie wollen, oder nicht.Im Moment fokussierte ich mich auf eine Fünf in roter Farbe.Danach auf einen Kopf in roter Farbe.Meinen Kopf.

Vor lauter Wut auf fehlende Buntstifte, verwirrende pädagogische Konzepte und insgeheim auch auf mein mangelndes Zahlenverständnis, rief ich laut – und wenn ich sage laut, dann haben nur ganz wenige Menschen auch nur den Hauch einer Vorstellung was das in der Live-Übertragung wirklich bedeuten kann –  GAAABRIEEEEEL!  Er kam. Und zwar sofort. Schließlich kannte er mich, so gut wie sonst Niemand. Immerhin lebten wir beide schon seit vier Jahren mehr oder weniger alleine. Das klappte eigentlich ganz gut. Bis er in die Schule kam. Seitdem klappt es immer häufiger auch mal schlecht. So wie heute.Gabriel wusste was nun kommen würde: Ein Gespräch. Und zwar eines von der Art, welches er ebenso wenig leiden mochte wie die Mathematik.

„Gabriel, wir müssen uns mal unterhalten“, begann ich pädagogisch wertvoll.

„Ich weiß“, antwortete er mit gesenktem Blick.

„Du musst mehr Mathe üben und besser in der Schule aufpassen“, knüpfte ich tapfer weiter unser Gesprächsband.

„Das kann ich alles schon“, kam’s prompt zurück.

„Kannst du nicht. Du hast eine Fünf in der Probe!“ Ich gab nicht auf!

„Na und! Ich kann’s trotzdem. Ich will nur nicht! Mathe ist doof, und du warst auch schlecht in Mathe hat der Papa gesagt. Das hab ich alles von dir!“ konterte er.

 

Genau in diesem Moment verließen wir für einen kleinen Moment die Sachebene. Denn meine mathematischen Leistungen hatten an dieser Stelle selbstverständlich ebenso wenig etwas zu suchen, wie der Erzeuger meines Sohnes und Petze allerersten Grades. Der schaffte ja selber in der Mathematik maximal auf eine Drei und in Deutsch hatte er auch einmal eine glatte Fünf. Das hat mir seine Mutter auf der Verlobungsfeier verraten. Ich versuchte also unsere Unterhaltung wieder in sachliche Bahnen zu lenken: „Gabriel, ich weiß dass du eine Menge kannst, aber gerade in Mathe reicht das eben nicht. Wollen wir gemeinsam üben?“, frage ich mit einem sehr bedeutungsschweren Blick. „Nein“ war die einsilbige Antwort meines Sohnes.

 

Er wollte nicht. Das war vor einem Jahr. Mittlerweile hat er eine Zwei in Mathe. Und in Deutsch und Englisch auch. Er war einfach etwas später dran, als seine Mitschüler. Und das hat er definitiv von seinem Vater: Der kommt nämlich auch heute noch zu jeder Verabredung und jedem Termin zu spät.

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About Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.
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Über Sabine Saldaña Bravo

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5 Gedanken zu „Mini. Mal. Ist. Kapitel 1

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