21:0

Der Motor dreht seit über einer Minute kontinuierlich mit 9.500 Touren bei 23 km/h im ersten Gang , der zweite Gang findet bei 15% Steigung einfach keinen Anschluss, der Schneeregen prasselt in mein Gesicht und vermischt sich mit dem Nasensekret, das sich der Schwerkraft folgend den Weg Richtung Mund bahnt und arschkalt ist es auch noch. Was mache ich eigentlich hier? Bin ich denn total bescheuert?

Richard_1

Gut, Ozzi Osbourne ist auch bescheuert und beißt deswegen Fledermäusen den Kopf ab. Da macht mir Mopedfahrern doch mehr Spaß und hinterlässt nicht so einen faden Geschmack im Mund. Bei diesem Gedanken kommen mir gerade wieder der Rotz und der Schneeregen in den Sinn. Trotzdem kämpfe ich mich weiter zur Passhöhe des Stilfser Jochs hoch.

 

Kein normaler Mensch kommt auf die Idee mit einer 30 Jahre alten 50er auf das Stilfser Joch (2760m) zu fahren, aber wer ist denn schon normal? Wir jedenfalls nicht. Wir, das ist der Hercules Stammtisch München. Jedes Jahr fahren wir mit den 50 – 95 cm³ Maschinchen in die Alpen und dieses Mal geht es in das das Dreiländereck Österreich-Italien-Schweiz. Weil wir unsere Tour immer im Forum der Hercules IG, dem Verein, er sich für den Erhalt dieser Mopeds einsetzt, veröffentlicht haben, sind noch einige Mitstreiter aus dem restlichen Deutschland mit dabei. Das Motto dieses Vereins lässt sich in dem Satz „Es ist nie zu spät für eine glückliche Jugend“ zusammenfassen. Tatsächlich ist es so, dass das Fahren einer 50er oder 80er einen alle Alltagssorgen vergessen lässt, man einfach die Seele auf Kreuzfahrt schickt und seine Akkus wieder auflädt. Probleme, wie „Wann mähe ich den Rasen? Wie finanziere ich mein Haus? Was macht meine Tochter heute Abend und vor allem mit wem?“ haben einfach keinen Platz bei einem Drehzahlband zwischen 7.500 und 10.000 Touren. Es zählt nur passender Gang (einstellig),Top Speed (zweistellig) und Höchstdrehzahl (fünfstellig). Alles andere sind Probleme Scheintoter über 17 Jahre. Das ist der Grund, warum wir alten Säcke, zwischen 45 und 55 Jahre alt, jedes Jahr vollkommen untermotorisiert in die Alpen fahren.

Wir, das ist Tom mit seiner auf 95 cm³ aufgebohrten und Stefan mit einer serienmäßigen Hercules RX-9, Burkhard mit einem ebenfalls auf 95 cm³ aufgebohrten Hercules Sportbike, einem Abklatsch der Honda Monkey, Ralf, Andi, Ebi und Harald auf Hercules Ultra II LC, Schorsch mit seiner Hercules XE9 und ich mit einer Hercules Ultra 50. Bis auf das Sportbike sind die Kisten zwischen 1979 und 1984 entstanden und haben zum Teil sogar eine 12 Volt Lichtanlage; für 16-jährige damals ein Kaufargument. Warum das so war, weiß keiner mehr. Aber es war halt etwas, was das alte Modell nicht hatte und deswegen jetzt unabdingbar sein musste.

Unsere diesjährige Alpentour steht unter dem Motto „Alpenjagd 2014“ und führt uns eben in das Dreiländereck Österreich-Italien-Schweiz. Eigentlich sollten wir am Donnerstagmorgen zu neunt pünktlich losfahren. Aber halt, es sind weniger. Bei der Anfahrt von Nürnberg nach München hat das Pleuellager von Stefans RX-9 bei Denkendorf die Flügel gestreckt und er sich von seiner Frau wieder heimfahren lassen. Nach dem Motorwechsel bis nachts um Zwei hat die Zündung versagt und er die Reparatur abgebrochen. Da waren’s nur noch Acht. Also Start 9:00 Uhr vor (Onkel) Tom’s Hütte. Nicht ganz: Haralds Schalldämpfer löste sich kurz vor dem Wochenende in seine Bestandteile auf und er montierte noch einen Ersatz, den Ralf Waldmann kurzfristig nach München schickte und Schorsch’s XE9 hatte auf der Anfahrt plötzlich keine Leistung mehr. Zylinder runter und die Diagnose: Kolbenbolzenlager verdunstet und der Kolben hat jetzt davon so ein wunderschönes Muster. Aber Tom hat ja alles da und fix wird ein neuer Zylinder samt Kolben montiert. Jetzt aber wirklich los. Nach defektlosen 10 km Stillstand: Burkhards Eigenbau Schalldämpfer am Sportbike ist abgebrochen.

Reparatur_Auspuff_Sportbike

Doch Harald hat logischerweise einen Ersatzschalldämpfer (was hat der eigentlich nicht eingepackt?) dabei, der sofort angepasst wird. Wieder 10 km später verliert er diesen Schalldämpfer und wir reparieren ein zweites Mal. Wenn wir alle 10 km 30 Minuten reparieren, dann wird das mit der heutigen 280 km Etappe nichts. Tom denkt schon mal über Alternativziele nach. Aufsitzen; aber jetzt geht’s wirklich richtig los. Wenigstens die nächsten 40 km, dann reißt Ralfs Kupplungseil; Tom sucht im Smartphone schon mal nach den Telefonnummern der Pensionen der Gegend. Tatsächlich kommen wir doch über Sylvenstein und die Mautstraße Wallgau nach Garmisch, wo wir Haralds Sohn mit dem Versorgungsauto treffen. Von nun ab geht es weiter Richtung Oberau und den Plansee nach Österreich; zu unserer Verwunderung ohne den kleinsten Defekt. Tom löscht die Telefonnummern wieder aus dem Speicher und irgendwo in Österreich wird Burkhards Sportbike wieder richtig laut, die Endkappe des Schalldämpfers hat sich zerlegt und liegt nun die nächsten 40 Jahre in irgendeiner Wiese neben der Bundesstraße. Jetzt bastelt er sich aus Draht und Abfällen, die er neben der Straße findet, einen Ersatzdeckel. Was wir zu diesen Zeitpunkt noch nicht wissen: Das war wirklich die letzte Reparatur des Tages.

Nun biegen wir von der Bundesstraße ab zum Hahntennjoch. Die erste richtige Herausforderung des Tages. Der erste Gang dreht bis 11.500, der zweite zieht nicht. Nach dem 20. Versuch den zweiten reinzuklatschen gebe ich auf. Dann halt im ersten Gang mit 10.000 Touren bis zur Wirtschaft, wo das Kampfgewicht mit Kaffee und Kuchen suboptimiert wird. Nach der Stärkung geht es jetzt endlich im Trockenen und ohne Regenklamotten bergab. Als erstes laufe ich auf zwei Großenduros auf. Die Honda Varadero wird vollstreckt, bevor der Pilot mich im Rückspiegel überhaupt entdeckt. Sein Spezi mit der KTM Adventure bemerkt mich am kreischenden Auspuffgeräusch und wehrt sich. Kurve um Kurve hänge ich einen halben Meter hinter oder neben ihm. Immer wieder glotzt er in den Spiegel; das kleine laute Vieh klebt immer noch wie ein eingetretener Kaugummi an der Schuhsohle dran. Endlich ergibt er sich in einer Kehre und ich steche vorbei. Seine Augen saugen sich an dem immer kleiner werdenden Loch meines Auspuffrohres fest. Ab und zu zeigt der Tacho über 100 km/h an und flugs werden weitere Tourer und Sporttourer gerichtet. Schlussendlich laufe ich auf eine große Gruppe auf, die sich weigert ein langsames Auto zu überholen. Also fahre ich durch die Gruppe Slalom und überhole den Bürgerkäfig. Unten angekommen zähle ich schnell zusammen. 21 Motorräder selber überholt und keines hat mich überholt: 21 zu 0; ein guter Tag!

jagd_1

 

Bevor ich mit dem 50er Fahren angefangen hatte, war ich der Überzeugung, dass das Leben auf zwei Rädern erst mit 100 PS und 250 kg anfangen würde. Jetzt sehe ich die Sache total anders, weil mit 100 kg Mopedgewicht jeder Vierteltonner bergab nur noch Opfer und kein Gegner mehr ist. Außerdem ist die Reifenbreite ein entscheidender Faktor, denn je breiter der Reifen ist, desto mehr Schräglage braucht man für die gleiche Geschwindigkeit und den gleichen Kurvenradius. So ein Mopedreifen im Asphaltschneiderformat ist damit ein unbestreitbarer Vorteil. Das ist der Grund, warum die Superbiker ungläubig in den Rückspiegel glotzen und es nicht fassen können, daß dieses ekelhafte Moped immer noch dran hängt. Wenn der schon längst in den Eisen greift, hänge ich noch im Vollgas, wenn er kurz vor der Haftgrenze ist, bin ich in mittlerer Schräglage und habe noch jede Menge zuzulegen. Und das ist sein Verhängnis.

Über Imst und Landeck geht es nun nach Nauders, unserem Stützpunkt. Schnell die Zimmer verteilt und ab in die Sauna. Als wir uns im Restaurant zum Abendessen treffen, sitzt auf einmal Stefan da! Er hat doch noch seine Kiste zum Laufen gebracht und ist in einem Tour de Force Ritt von Franken knappe 400 km zu uns gefahren. Endlich sind wir komplett und lassen den Tag bei einem guten Essen und ein paar Russen und Weißbieren ausklingen.

Am nächsten Morgen ist erst mal wieder reparieren angesagt. Meine höchst illegale LED-Beleuchtung hat die Flügel gestreckt; vielleicht sollte man doch nicht mit Wechselstrom auf so eine kleine Lampe einprügeln. Also wird eine echte H4 Lampe vorne und ein Glühbirne als Rücklicht eingeschraubt. Juchhe; ich bin wieder erleuchtet! Doch hält der Spaß nicht lange, bald ist wieder Alles dunkel.

Über den Reschenpaß fahren wir zum Highlight der Tour, dem Stilfser Joch. Über 40 Kehren bergauf mit bis zu 15 % Steigung. Bei der Auffahrt in der milden Frühjahrssonne bemerke ich, bzw. der SW50-Motor die brutale Steigung; der zweite Gang zieht nicht, also bleibt nur der Erste übrig. Da ich durch das Erlebnis gestern am Hahntennjoch lernfähig bin, lasse ich die Sache mit dem Schalten und dem ewigen Kupplungschleifen. Außerdem tut mir das linke Handgelenk wegen eines 40 Jahre alten und schlecht verheilten Bruchs saumäßig weh. Weil bei den letzten Alpentouren die Wassertemperatur meines Motors auf über 110°C stieg, habe ich einen größeren Kühler eingebaut. Jetzt ist die höchste Temperatur 90°C und ich lasse die Kiste in höchsten Tönen jubeln. Schon im unteren Drittel des Passes fängt es mal wieder das Regnen an und ich schmeiße mich in die Regenklamotten. Bald wird es so steil, dass ich die Bergauf-Rechts-Spitzkehren mit schleifender Kupplung fahren muss. Super, endlich fängt es das Schneien an und der Rotz fließt über mein Gesicht; was tue ich da mir und meinem Moped eigentlich an? Jetzt kommt mir zum ersten Mal Ozzy Osbourne in den Sinn. Mit weniger Geschwindigkeitsüberschuss als mir lieb ist, fahre ich an den Radfahrern vorbei. Fast ganz oben stellt sich einer von den Radhelden quer und tritt im Wiegeschritt weiter. Traurig wie langsam ich ihn überhole. Diese Radfahrer verdienen meinen höchsten Respekt, denn wer sich diese Quälerei antut und nicht aufgibt, hat wirklich Eier; ab jetzt gehe ich aufs Mädchenklo.

Gipfel_best

 

Oben angekommen wartet schon die „mindestens 80 cm³ Fraktion“ seit über einer viertel Stunde auf mich. Hubraum ist durch nichts zu ersetzen; außer durch noch mehr Hubraum. Auf der Passhöhe werden die obligatorischen Fotos gemacht und danach der Abstieg angegangen.

Bergab geht es zum Showdown für die Superbikefraktion. Tom auf seiner 95 cm³ RX-9 und Burkhard mit ebenfalls 95 cm³ im Sportbike nehmen die Verfolgung einer Kawasaki ZXR 750 und BMW 1000 RR auf. Die ZXR wird schnell subtrahiert, nur die Doppel-R macht Probleme. Tom taucht immer wieder links und rechts neben dem 200 PS Boliden auf, aber der Fahrer wehrt sich entschieden und macht auf den Geraden die Meter gut, die er in den Anbremszonen und Kurven verliert. Erst als die beiden auf ein Gruppe Immobilienbesitzer (BMW K 1600 GTL) auflaufen und die Doppel-R einen Moment unkonzentriert ist, vollstreckt Tom ihn. Die Immobilien winken Tom vorbei, die Doppel-R bleibt zurück; wahrscheinlich will der Fahrer die ihm beigebrachte Schmach nicht länger mit ansehen.

In Brünn hatten wir vor Jahren mal ein ähnliches Erlebnis wie der Doppel-R Fahrer. Bei einem Renntraining war auch das KTM Junior Team mit dem damals 14-jährigen Stefan Bradl, ehemaliger Moto2-Weltmeister und jetziger MotoGP-Fahrer, und Michi Ranseder mit ihren 125er Rennmaschinchen für Testfahrten vor Ort. Im Vorfeld waren wir Superbiker uns einig, dass wir mit unseren 150 bis 170 PS wahrscheinlich die gleichen Rundenzeiten fahren können, ja sogar schneller seien, wie die zwei Kinder mit ihren 55 PS Zwiebacksägen. Mein Gott, waren wir naiv und überheblich! Für die zwei waren wir statische Pylonen, die einfach umkreist wurden. Wo wir auf der Zielgeraden von 260 km/h auf 120 km/h runtergebremsten, haben die die zwei Kerle mal kurz das Gas weggenommen und sind volle Kanne durch die Kurve weitergeprügelt. Einige von uns wollten ihre Kisten verkaufen, andere sich 125er besorgen und ich einfach nur meine Yamaha R1 anzünden und heimfahren. Ich kann dem 20.000 € Doppel-R Fahrer nachfühlen, wie es ihm jetzt geht.

In Bormio auf der Südseite des Jochs wird es wieder warm und die Regenklamotten verschwinden wieder in den Rucksäcken und wir in einem Café. Danach fahren wir Richtung Tirano und biegen ab in die Schweiz. Auf der Passhöhe des Passo del Fascagno werden wir, wie bei jedem Halt, von einem Pärchen auf unsere Mopeds angesprochen. Anscheinend haben wir auf der Stirn den Satz geschrieben: „Bitte nagel mir ein Gespräch ans Knie!“ Und es halten sich wirklich alle daran. Nach dem kurzen Plausch: „Ja genau die hatte ich auch und ging aufrecht zu zweit mindestens 120 km/h…“ geht es wieder herunter ins Tal zum Livigno Stausee und durch den Tunnel in die Schweiz. Dieser Tunnel ist nur einspurig und durch eine Ampelregelung darf 10 Minuten die eine Richtung und dann wieder die andere fahren. Wir alten Herren nutzen die Zeit für eine Pinkelpause (zu wenig Granufink eingeworfen!) und kommen wieder rechtzeitig bei Grün auf die Mopeds. In der Schweiz ist es wichtig, nicht das Geschwindigkeitslimit von 80 km/h auszunutzen, denn hier zahlt man ab dem ersten km/h. Also touristisch hinter den Blechschachteln her und die Seele baumeln lassen. Auf Feindfahrt gehen wir nachher in Österreich.

 

alle mitbike

Wieder in Felix Austria schwächeln bei Martinsbruck unsere norddeutschen Mitstreiter Ebi und Andi und fahren direkt zurück nach Nauders ins Hotel. Das waren wohl ein paar Kurven und Schaltvorgänge zu viel für die beiden Jungs. So eine 50er hat 5 Gänge, einen Topspeed von 90 km/h, ein nutzbares Drehzahlband von 2.500 und eine Höchstdrehzahl von 9.500 Touren. Das heißt schlicht und ergreifend, dass ab dem zweiten Gang aufwärts so alle 15 – 20 km/h geschaltet werden muss. Und in den Bergen ist man verdammt oft mal 15 – 20 km/h schneller oder langsamer.

Der harte Kern fährt noch schnell nach Samnaun zum Tanken. Hier kostet der Sprit 1,13 Euro; bei 7 Liter die Mörderersparnis. Diese kleine Passstraße in den Zollgrenzbezirk hat die Besonderheit, dass immer wieder kleine, absolut stockdunkle, in Stein gehauene Tunnels auftauchen, die kurz vor Ende eine enge 90° Kurve haben. Da mein Scheinwerfer den Geist aufgegeben hat, eine echte Herausforderung. Wieder zurück über die gleiche Strecke beenden wir den Tag. Es waren zwar nur knappe 200 km, die wir gefahren sind, aber da einige Passagen nur mit Mofatempo gingen, war es von der Zeit her doch ausreichend Strecke.

Zurück im Hotel treffen wir wieder auf Harald, der den Tag mit seinem Sohn im Auto verbracht hat und einige Punkte, natürlich auch die Tankstellen und Tabakläden in Samnaun besucht hat. Die abendliche Sauna taut die alten Knochen wieder auf und ab geht’s zum Abendessen, was wieder feuchtfröhlich endet.

Nun fahren wir am Samstagmorgen wieder Richtung Heimat. Über die Reschenstraße geht es Richtung Norden rechts weg ins Kaunertal. Weil sich ein Riemen meines Rucksacks gelöst hat, bleibe ich kurz stehen um das Teil wieder zusammen zu binden und fahre, nachdem alle an mir vorbei sind, wieder los. Ebi hat irgendeinen Teil von dem Satz „Beim Abbiegen wird auf den Hintermann gewartet!“ nicht verstanden. Jedenfalls fahre ich solange geradeaus, bis ich bei einer Mautstation anhalten muss und dort erreicht mich der Anruf von Tom. Ja, sie sind abgebogen und alle außer mir stehen oben auf dem Kaunergrat. Tom wartet auf mich an einer Abzweigung und ich fräse die Kaunertalsraße mit Vmax wieder zurück. Es ist übrigens beschlossene Sache, dass wer 2015 seinen Hintermann verliert, eine Runde zahlt!

Oben auf dem Grat haben wir eine grandiose Aussicht und machen das obligatorische Gruppenfoto. Mit den Bergen im Hintergrund ein fantastisches Ambiente. Es folgt die übliche Unterhaltung mit den Touristen über unsere Mopeds: „Ja genau die hatte ich auch und ging aufrecht zu zweit mindestens 120 km/h…“. Nun geht es wieder in vielen herrlichen Kurven bergab, wo Tom eine Schrecksekunde erlebt. In maximaler Schräglage kommt ihm in der Kurve ein Auto entgegen und automatisch greift er nochmal leicht in die Eisen. Das ist aber zu viel für den schmalen Vorderreifen, der seine Haftung einfach einstellt. Nach dem Loslassen der Bremse und Ende des Rutschers findet er seine Linie und seine Fassung wieder. Ab jetzt geht es nur noch mit 99 % Einsatz weiter. Danach fahren wir weiter Richtung Imst, wo wir unseren Versorgungswagen mit Gross junior treffen werden. Von nun ab wird er uns den Rest der Tour folgen, was sich als große Hilfe herausstellen wird.

Über verschiedene große und kleine Straßen kommen wir nach Telfs, wo wir nach dem Mittagessen, aus Versehen landen wir im Glutamatpalast von Quai-Chang, Richtung Leutasch abbiegen wollen. Doch auf einmal fehlt Schorsch. Der hat am Morgen wegen latenter Zündungsprobleme prophylaktisch die Zündspule gewechselt und nun ist bei seiner XE9 plötzlich bei 3.000 Touren Schluss. Zum Glück ist unser Rüstwagen mit einer halben Tonne Werkzeug und Ersatzteilen schon vor Ort. Jetzt baut er eine andere Zündung, logisch hat er eine zweite Zündung dabei, ein, doch das Phänomen tritt wieder auf. Tom bemerkt einen Funkenüberschlag direkt an der Spule; die Isolierung der Ersatzzündspule ist defekt. Also schnell die Zündspule von gestern eingebaut und siehe da, die Kiste dreht wieder wie ein Hamster im Rad. Da die Zündspule aber nicht so ganz zur Zündung passt, wird wieder die alte Zündung eingebaut und beim Testlauf tritt wieder der Fehler auf. Also nochmal die Zündung raus und die neue rein; dreimal Zündung wechseln innerhalb von 30 Minuten ist neuer Rekord. Wir melden den Schorsch jetzt, ob er will oder nicht, bei den Weltmeisterschaften im Zündungswechseln an. Die ganze Bastelaktion findet vor dem großen Fenster der Cafeteria der örtlichen Tankstelle statt. Interessiert schauen uns ein halbes Dutzend Kaffeeschlürfer zu. Eigentlich hätten wir Eintritt verlangen sollen, aber wir lassen uns diese Geschäftsidee doch durch die Lappen gehen. Jetzt aber los: Schließlich wollen Andi und Ebi in München noch den Motor aus Andi‘s Ultra ausbauen und dem Harald für den Clubberer zur Untersuchung mitgeben. Deswegen wird von Garmisch bis Kochel Autobahn gefahren und ab dort geht es über Königsdorf zurück nach Putzbrunn zu Toms Frau, die schon mit Cappuccino und Kuchen auf uns wartet. Deswegen fällt leider mein geliebter Kesselberg aus; der Berg auf dem ich nachmittags nach der Schule und auch vormittags während der Schule, das Motorradfahren lernte.

öööe

In Putzbrunn angekommen bauen die einen den Motor aus, die anderen schütten sich den Kaffee rein und verdicken die Soße mit Kuchen und Schokopuffreis.
Selbstredend werden noch einmal die schönsten Erlebnisse zum Besten gegeben und werden mit jeder Minute die verstreicht, noch besser. Anschließend lösen wir uns langsam auf, denn der eine muss heute um 20:00 Uhr beim Geburtstag von Opa Kowalski, der andere morgen um 12:00 Uhr bei Erbtante Luise beim Mittagessen sein.

Fazit: Schön war’s; die Strecken waren traumhaft; die Schrauberei am Anfang hat fast den Zeitplan durcheinandergebracht, aber letzten Endes war es das schönste Wochenende des Jahres. Für nächstes Jahr ist der Termin wieder fest; allerdings ist nicht sicher, ob wir nochmal auf Stilfser Joch fahren, denn Fledermausköpfe schmecken nur unwesentlich schlechter.

816_km

Bildrechte Richard Rotsch

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About Richard Rotsch

Midlifecrisis geplagter Endvierziger mit Hang zu altersuntypischen Freizeitbeschäftigungen („Es ist nie zu spät für eine glückliche Jugend!“). Als Kopfmensch bei einem oberbayerischen Luftfahrtzulieferer was gibt es da Schöneres, als mit seinen eigenen Händen alten Motorrädern oder Mopeds wieder zu neuem Glanz zu verhelfen um danach auf der Straße oder Rennstrecke die Kisten wieder richtig fliegen zu lassen? Und wenn ich mal nicht bis zu den Ellenbogen im Öl oder Rost versunken bin oder mit dem Knie den Asphalt streichle, dann mähe ich meinen Rasen, schneide die Hecke oder versuche sonst irgendwie den Tag rumzubringen; wenn’s geht auch mit Extreme-Couching!
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Über Richard Rotsch

Midlifecrisis geplagter Endvierziger mit Hang zu altersuntypischen Freizeitbeschäftigungen („Es ist nie zu spät für eine glückliche Jugend!“). Als Kopfmensch bei einem oberbayerischen Luftfahrtzulieferer was gibt es da Schöneres, als mit seinen eigenen Händen alten Motorrädern oder Mopeds wieder zu neuem Glanz zu verhelfen um danach auf der Straße oder Rennstrecke die Kisten wieder richtig fliegen zu lassen? Und wenn ich mal nicht bis zu den Ellenbogen im Öl oder Rost versunken bin oder mit dem Knie den Asphalt streichle, dann mähe ich meinen Rasen, schneide die Hecke oder versuche sonst irgendwie den Tag rumzubringen; wenn’s geht auch mit Extreme-Couching!

2 Gedanken zu „21:0

  1. Eberhard (Ebi) Koch

    Hallo Ritchie,
    kein gelernter Journalist, Redakteur oder Reporterhätte diese Tour in passenderen Worten beschreiben können….,Danke Dir für diesen wunderbaren Beitrag, Hut ab!!

    Gruß
    Ebi ( der bis auf das eine Mal, nochmals sorry für den Fauxpas, eigentlich immer ganz hinten gefahren ist……)

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