„Deine blauen Augen machen mich so sentimental“

Dieser Titel ist natürlich geklaut, oder sagen wir mal geborgt. Aus der guten alten Neuen Deutschen Welle-Zeit. Also von damals, als es noch keine Handys, WhatsApp und Lounge-Bars gab. Und noch niemanden, in meiner Welt, auf den diese Zeile sprichwörtlich wie die Faust aufs Auge gepasst hat. Oder besser: wie das Fäustchen. Denn seit ein paar Tagen hats mich erwischt. Ich bin verliebt. Aber anders. Völlig unerotisch.

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Und doch wird mir ganz warm ums Herz, wenn ich an sie denke. Meine erste und einzige Nichte, die mich so warm und ehrlich angelächelt hat, dass ich mehrmals kurz hinter mich schauen musste. Nur um sicher zu gehen, dass sie wirklich mich gemeint hat, mit ihrer zahnlosen Charmeoffensive. Hat sie. Und plötzlich wünsche ich mir, wieder mehr Kleinkind zu sein.

Warum? Weil er mir manchmal fehlt, dieser kindliche Urinstinkt, der die Babys lachen lässt. Dieses intuitive Lachenmüssen, einfach weil sie lachen wollen, ihnen etwas gefällt oder sie sich wohl fühlen. Lachen um des Lachens willen also und nicht, um gut auszusehen, gut dazustehen oder gut anzukommen. Kein einstudiertes Modellachen, sondern ein Menschlachen. Und mal ehrlich: was sieht besser aus? Lachen für die Kamera oder fett aus dem Bauch raus?

Und so konnte ich mich überhaupt nicht wehren. Gegen diese unerwartete herzliche Zuneigung. Plötzlich fand ich mich auf dem Fußboden beim Wettkrabbeln wieder, naschte beim Füttern aus Versehen am geschmacksneutralen Babybrei – mehrmals – und brubbelte komische Laute vor mich hin. Als Köder. Für noch mehr lachen und lächeln. Dabei erinnerte ich mich natürlich auch daran zurück, wie mein Sohn schon auf die gleichen „Tricks“ reingefallen ist. Deshalb gehe ich mal davon aus, dass dieses herzerwärmende Babygrinsen ganz natürlich ist, natürlich schön. Unnatürlich – oder ist hier unfreiwillig das richtige Wort? – schön werden wir ja von alleine. Spätestens in der Pubertät, wenn wir auf Biegen und Brechen Irgendjemandem gefallen wollen. Oder wenn Eltern ihre Kinder mit drei Jahren auf Casting-Shows schicken oder in Markenkleidung zwängen. Ich nenne das jetzt einfach mal unnatürlich. Und ich kann da mitreden.

Denn ich war gerade in Berlin in einer Babyboutique, in der eine Babystrumpfhose mehr als mein Wocheneinkauf kostete. Darin befanden sich biomäßig unrasierte Männer im Gucci-Schlamperlook und kleine Damen – oder ist hier Diven das richtige Wort? – die noch nicht laufen konnten. Zudem ist mein Sohn gerade in der Pubertät. Seit etwa zwei Jahren. Und das bedeutet für mich: anstehen an der Badezimmertür und selbiges vor dem großen Spiegel im Flur. Und da bin ich noch gut dran, denn ich bin ein Mädchen und er ein Junge. Dies bedeutet: Meine Schuhe und meine Klamotten gehören mir ganz alleine. Hier bin ich so mancher Mutter um Nasenlängen – oder ist hier Schuhpaare das richtige Wort? – voraus, die plötzlich vor ihrem Kleiderschrank stehen, laut schreien „Ich habe nichts anzuziehen“ und das auch wirklich stimmt. Denn die Töchter haben sich mal eben schnell etwas geborgt. Und da aus meiner kleinen Nichte für meine Schwester ja auch einmal eine pubertierende Tochter wird. Hier mein Rat: absperren. Natürlich den Kleiderschrank oder die Schlafzimmertüre.

Denn wenn die Kleine auch mit 13 Jahren nur halb so natürlich lächelt, es wird trotzdem herzerweichend sein. Sie wird Euch mit allen legalen und illegalen Charme-Mitteln um Eure eigenen Finger wickeln und einfangen. Und das ist noch die schönere Variante des Überredens. Dabei werdet Ihr in Eurer Tochter immer das sehen was sie ist: Euer Kind. Deshalb ist es auch nicht so furchtbar schlimm, wenn ihr nicht jedes Mal Grenzen aufzeigt, wenn sie Grenzen braucht. Nur, wenn es wirklich wichtig ist. Die Kunst ist es, diese Situationen zu erkennen. Und sich nach allen Mühen und Bemühungen um eine gute Erziehung mit einem Lächeln über das Gelingen zu freuen. Ganz natürlich. Schön, dass wir Kinder haben.

Foto © Nina Straßgütl

 

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About Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.
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Über Sabine Saldaña Bravo

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Ein Gedanke zu „„Deine blauen Augen machen mich so sentimental“

  1. Nina

    Mein Herz tanzt! Ein echt toller Artikel, der Spaß gemacht hat zu lesen. Auch die Kunden des Babyladens sind ganz herrlich beschrieben.

    <3 <3 <3

    Antworten

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