Sieht gut aus: Besuch im Warteraum Erding

Seit ein paar Jahren träumt mein Lebensgefährte einen echt irren Wohntraum: Er und ich zusammen in einem krass renovierten Hangar. Anlass für diese eigentlich ganz schön coole Idee war natürlich die Ankündigung zur Auflösung des Fliegerhorstes Erding vor nunmehr gut 6 Jahren. Erste Wahl ist ein Hangar mit Ausrichtung nach Süden. Statt des riesigen Tores könnte eine Glasfassade unser geträumtes Zuhause in Szene setzen. Die Krönung: ganz oben mein Büro mit Blick zur Sonne – zur Inspiration.

the beach

Ab morgen wird eben dieser Hangar tatsächlich bewohnt. Von Flüchtlingen. Bis zu 72 Stunden sollen sie in so genannten Sheltern unterbracht werden. Eine der ehemaligen Flugzeuggaragen dient als Sanitätsstation, weitere gigantische Zelte erfüllen ihre Funktion als Zwischenlager und Verpflegungsstationen. Heute war dort Tag der offenen Tür. Das erste Mal habe ich mir unser Traumhaus aus der Nähe angesehen.

Erst einmal war ich ergriffen und traurig

Ganz ehrlich: Ich wollte da nicht hin. Als mein Lebensgefährte mir von diesem Tag der offenen Tür erzählte, war ich wenig begeistert. Und doch habe ich ihn begleitet. Was komisch war: Schon als wir von der Bundesstraße aus, die vielen Autos der Besucher gesehen haben, war ich eigenartig berührt und kämpfte das erste Mal mit den Tränen. Ohne zu wissen, warum. Es war alles perfekt organisiert: Wir wurden in den Parkplatz eingewiesen, eine improvisierte Bushaltestelle bot Schutz vor dem Regen, bis der Bus kam, der uns bis zu den Sheltern bringen sollte. Junge wie alte Menschen, Familien, Paare, Freunde. Unglaublich viele.

Der erste Hangar, den wir besichtigten, war nur spärlich besucht. Dort ist die Sanitätsstation untergebracht, mit Biertischen und -bänken davor sowie einer Getränkeausgabe. Überall freundliche Blicke. Im zweiten Shelter befinden sich die ersten rund 140 Betten. In mit Spanplatten abgegrenzten 6-er „Zimmern“ stehen je 3 Stockbetten. Das gleiche Szenario im Shelter nebenan. Dort boten THW und das Rote Kreuz Führungen an.

Langsam fasse ich Mut

Das hat mich fasziniert. Zunächst diese offenen, gelassenen, freundlichen Helfer. Immer mit einem offenen Augenzwinkern. Seit vielen Stunden beantworten sie schon die gleichen Fragen. Sie tun das gerne und sie tun das ohne Umschweife, ohne Beschönigungen und geben mir dadurch Mut. Das Konzept scheint mir durchdacht: Familien sollen zusammen in einem der „Zimmer“ untergebracht werden. Alleine unter sich. Männer, die alleine unterwegs sind, können zu sechst in ein Abteil. Alleinreisende Frauen werden in einem separaten Hangar untergebracht. Zuerst werden die festen Behausungen gefüllt, dann die Zelte. Ethnische Gruppen werden geteilt. Es gibt eine W-LAN-Station, damit die Flüchtlinge nicht zwingend nach Erding laufen müssen, um via Smartphone kommunizieren zu können. Es wurde wirklich enorm viel getan, um Konflikte zu vermeiden.

Und ja, natürlich dürfen die Flüchtlinge den Fliegerhorst verlassen. Das gebieten die Genfer Konvention und die Menschenrechte. 40% der zu erwartenden Flüchtlinge wollen übrigens nicht in Deutschland bleiben, wird uns erklärt. Die Küche wird rein vegetarisch sein. Auch hier hat also jemand mitgedacht. Es sind Ärzte vor Ort und Krankenschwestern. Eine Bekannte vom Kriseninterventionsteam habe ich auch vor Ort gesehen – in Einsatzkluft. Und Menschen in der Uniform von THW und dem Roten Kreuz, die unentwegt und unaufgeregt einfach ihren Job machen. Und als ein Helfer vom THW sagte: „Das ist zu schaffen“, habe ich das das erste Mal geglaubt.

 

Bild © Fotolia_62417402_XSOlya_Rohulya

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About Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.
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Über Sabine Saldaña Bravo

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