Es klingelte und klingelte. Ich tobte und tobte.

 

 

Ich war einmal jung. Richtig jung und jugendlich, also so zwischen DSC0020212 und 20 Jahren, und zwar in Erding. Wer nun in den 80er Jahren ebenfalls in der oberbayerischen Kleinstadt mit dem bekannten Bier aufwuchs, der weiß was das bedeutete: Gähnende Langeweile für Teens und Twens. Zumindest auf den ersten Blick und ganz besonders aus der Perspektive junger Mädels und Burschen von Heute, dem Zeitalter von Führerschein mit 17, Facebook und einem eigenen, mobilen Telefonanschluss.  

 

Und damit sind wir eigentlich schon mitten drin, in Erding im Jahr 1980, an dem Nachmittag meiner Jugend, der als der entscheidende Tag X einen herausragenden Platz in meinem Leben einnehmen sollte. Es war der Tag, an dem ich meinen ersten Anruf von Stefan erwartete. Meinem ersten Schwarm – so nannte man damals die Jungs, die man „angesponnen“ hatte. Was nun auch wieder zu erklären ist. Also: Da man damals noch nirgendwo irgendwas „posten“ konnte, mussten wir uns mit unserer Gefühlswelt erst einmal selbst auseinander setzen. So schwärmten wir Mädels für Jungs, und die Jungs für Mädels. Leider nicht immer für dieselben. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Wir schwärmten also so vor uns hin, und sponnen unsere Gefühle in ein dichtes, hormongesteuertes Netz. Dabei versuchten wir, wie eine Spinne, unserem Auserwählten (böse Zungen würden jetzt von „Opfer“ reden) mit unserem geballten Charme einzuwickeln. Und genau das versuchte ich bei Stefan – mit Erfolg.

Doch bevor wir uns das erste Mal alleine treffen wollten, so verlangte es die Etikette der 80er, musste er mich anrufen. Und er tat es.

Das Problem war nur: Meine Mutter hatte unser Telefon nicht nur mit einem Telefonschloss versehen, sondern, das mit dem Telefonschloss versiegelte Wählscheibentelefon in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen, bevor sie zur Arbeit ging.

Dies wiederum hatte ich meiner technisch hochbegabten älteren Schwester Brigitte zu verdanken, die mit ihrem Geschick das Telefonschloss bereits mehrmals knackte, die Telefonrechnung in astronomische Höhen katapultierte und bei jedem Telefonat eindeutige Spuren wie Kaugummipapier oder Haarsträhnchen hinterließ. Letztere fummelte sie sich beim aufgeregten Spiel mit ihren Fingern im Haar während ihrer Stundentelefonate selbst vom Kopf.

 

Stefan rief also an. Und ich stand vor der fest verschlossenen Schlafzimmertüre meiner Mutter. Es klingelte und klingelte. Ich tobte und tobte.

Beides führte zu nichts. Erst einmal.

Damals, als Erding noch sehr überschaubar war, wussten wir Gott sei Dank immer wo unsere Leute gerade waren. Viele Möglichkeiten gab es nämlich nicht.

In der letzten Augustwoche jedoch kam für Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren nur ein Treffpunkt in Frage: Der Autoscooter auf dem Erdinger Volksfest – so hieß das heutige Herbstfest damals.

 

Ich warf mich in Schale. In meinem Bekanntenkreis bedeutete das: Eine möglichst ausgetragene Jeans mit entsprechend vielen Löchern, ausgelatschte Turnschuhe und ein großzügig geschnittenes T-Shirt oder Herrenhemd. Figurbetonte oder gar passende Kleidung war damals ebenso eine absolutes „no go“ wie ein Trachtengewand. Nur über unsere Leichen hätten wir uns mit einem Dirndl oder einer Krachledernen auf die Straße, geschweige denn in die Nähe unserer Clique, getraut.

Über dem XXL-Hemd trug ich einen mausgrauen XXL-Strickpullunder und fand mich ziemlich sexy.

Ich näherte mich dem Autoscooter.

Schon die Musik von Spliffs „Carbonara“  ließ mein Herz höher schlagen.

Und da stand er.

Lässig fiel ihm seine lange, blondgelockte Haarmähne über die Schultern und seine stoned-washed Jeansjacke.

Mit der einen Hand fuhr er sich durchs Haar.

Mir der anderen drehte er sich eine Zigarette.

Das war der Gipfel der Coolness.

Einhändig Kippen drehen.

Ich war kurz davor in Ohnmacht zu fallen.

Dann hätte ich allerdings meinen ersten Kuss verpasst. Denn schon kurz nachdem wir uns lauthals begrüßten – immerhin mussten wir Frank Zappa „Hey there people I`m Bobby Brown“ übertönen – entführte mich Stefan hinter das Bierzelt der großen Erdinger Brauerei und knutschte mich samt diverser Tabakbrösel in den siebten Himmel. Und das war noch cooler als Autoscooter fahren!

 

Jedes Mal also, wenn ich heute über das Erdinger Herbstfest schlendere, verweile ich einen Moment am Autoscooter. Es ist kaum zu glauben, aber immer noch steht dieses Fahrgeschäft an derselben Stelle wie damals. Von Jahr zu Jahr aber stehen weniger Jugendliche darum herum. Die sind dafür immer häufiger dort zu finden, wo wir damals auf keinen Fall hinwollten: im Bierzelt. Dort stehen sie in ihren knalligen, trachtenähnlichen Gewändern mit hohen Hacken und großzügigen Dekolletees auf den Bierbänken, grölen die Hits meiner Jugend und schicken sich dabei SMS-Botschaften. Man kann also durchaus sagen: Sie vereinen Tradition mit Moderne. Und eigentlich ist das ja auch ganz schön.

Denn weil manches von früher heute noch modern ist, sind wir es irgendwie auch.

Und weil manches jugendliche Gehabe von Heute uns empört, merken wir, das wir erwachsen geworden sind.

Eigentlich ein cooler Mix: Moderne Erwachsene.

Das poste ich jetzt gleich auf Facebook.

 

 

 

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About Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.
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Über Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.

9 Gedanken zu „Es klingelte und klingelte. Ich tobte und tobte.

  1. Vodermeier Bettina

    Ein kleiner Ausflug in unsere Jugendzeit. Die Geschichte kennt wohl jeder der in den 80 igern in Erding aufwuchs. Nette Geschichte und nette Erinnerung .

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  2. Margit Weißbach

    Ein Ausflug in die Jugendzeit der mir bekannt vorkommt. Aufgewachsen in dem von meinen Söhnen jahrelang als landweiligstes Dorf der Welt bezeichneten Finsterwald am Tegernsee war auch für meine Freundinnen und mich das Top-Highlight des Jahres das Volksfest in Gmund. Und da hab auch ich damals den ersten Kuss bekommen. Nicht von einem Date, sondern von einem der Autosscooter- Jungs. Das war so ziemlich das exotischte was man zu der Zeit abbekommen konnte. (Hoffentlich lesen das meine Söhne nicht) Schön ist, dass meine Söhne heute Finsterwald als ganz besonderen Entspannungsort mit vielen unbezahlbaren Erinnerungen verbinden.
    Liebe Sabine, weiter so mit Geschichten

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  3. Brigitte Schuster

    Liebe Sabine , lustige Geschichte. Ich kann mich garnicht daran erinnern, das ich der Grund für die zu hohen Telefongebühren gewesen bin. Aber was ich nicht wusste war , dass Du einen Schwarm hattest, da habe ich wohl nicht genug aufgepasst.

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  4. Traudi

    Liebe Sabine, Deine Kreativität und Dein Engagement, stets etwas Besonderes auf die Beine zu stellen, ist echt bewundernswert! Super, Deine Idee mit einem „Geschichtenblog“! Ich hab alle Stories mit Begeisterung gelesen und gerade bei der Geschichte über das Erdinger Volksfest (ebenfalls wie meine Vorschreiberin Petra) in Erinnerung geschwelgt – nur mit dem Unterschied, dass mein „Rundendrehen“ auf dem Volksfest und „Angewachsensein“ am Auto-Scooter und erstes „Anbandeln“ mit dem anderen Geschlecht in den 60iger Jahren stattfand. Es hat sich seitdem anscheinend nur wenig geändert und auch die Jugend heutzutage ist immer noch völlig aus dem Häuschen, sobald die Fahnen für das Erdinger Volksfest gehisst werden.
    Bin zudem sehr gespannt auf die Fortsetzung Deines Romans „Profil.Neu.Rose.“!!!!! Ich hab ihn damals innerhalb kürzester Zeit verschlungen!
    Liebe Sabine, nur weiter so! Ich wünsche Dir ganz viel Freude, tolle Geschichten und auch viele positive Kommentare bei Deinem neuen Blog!

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    1. Sabine Saldaña Bravo Artikelautor

      Liebe Traudi, ich freue mich, dass ich auch deinen Geschmack treffen konnte :-) und natürlich darüber, dass du dir die Zeit genommen hast, meinen kleine Idee durch dein Mitmachen zu unterstützen. Bis hoffentlich bad! Liebe Grüße, Sabine

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  5. Helmut Schwind

    Eine nette Geschichte, die auch gleich Erinnerungen weckt. An meine Zeit auf dem Traunreuter Volksfest (also…. nicht das das Volksfest, sondern Traunreut – eine genauso verschlafene Kleinststadt in der Nähe des Chiemsees.
    Doch ganz so cool wie dein Dreamboy..äh..Schwarm…war ich nicht…es fehlte schon mal an der Zigarette in der Hand. Aber einen Schwarm hatte ich auch…und der war auch beim Autoscooter. Doch anstatt die Dame…bzw. das Mädel einzulafen sich an meine Seite zu setzen und mit großem Gescheick jedem Rempler auszuweichen und sie damit nicht nur von meinen Fahrkünsten sondern auch noch von meinem Charme zu überzeugen machte ich genau das Gegenteil. Frei nach dem Mott: „Was sich liebt das neckt sich“ versuchte ich sie auf der Scooterfahrt gehörig anzurempeln und auf diese Weise auf mich Aufmerksam zu machen. Leute, ich sage euch…das kam nicht gut an. Das Jahr darauf versuchte ich es auch mit einer Zigarette…aber das ist eine andere Geschichte….

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  6. Rösi Bugatti

    Liebe Sabine! Habe deine Kurzgeschichten regelrecht verschlungen… witzig und unterhaltsam und ja, so war es in the 80’s…mein Schwarm war sogar Einparker beim Autoscooter auf dem Erdinger Volksfest und ich konnte ihn von meinem Liebreiz (wahrscheinlich auch mit der Unterstützung meiner Schulterpolster) überzeugen, daraus sind dann über 5 Jahre Beziehung geworden. Jetzt bin ich fast 50 und das Winkfett hat auch bei mir kein Mitleid – egal – heute sehe ich eben aus wie Stahl im Speckmantel (diesen genialen Vergleich hat sich übrigens unser Killerfuchs ausgedacht), na ja, immer noch besser als „Nilpferd in Burgunder“. Mach weiter so!!!!

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