„… dann lässt es der Klaus auch mal schön laufen…“

Klaus H. ist querschnittsgelähmt und fährt Gespann. Seit 20 Jahren jeden Tag. Und Frau Christine fährt mit.

Autofahren war noch nie sein Ding. Obwohl Klaus, 55 Jahre und im Landkreis Erding zuause, den Autoführerschein hat, fährt er lieber Motorrad. Schon immer. Auch nach seinem Unfall vor nunmehr 20 Jahren war für ihn klar: Ich will wieder Motorrad fahren. Und er fährt. Nur keine Solomaschinen mehr, sondern Gespann. Im Sommer wie im Winter, zwischen 15.000 und 20.000 Kilometer pro Jahr.Saldana_10_Fahrfoto_neu

Auf den ersten Blick ist kein Unterschied zu sehen, nur eine Vorliebe für italienische Motorräder. Drei Moto Guzzi-Gespanne und ein Moto Morini-Gespann parken in der Garage, darunter das Urlaubsgespann – weil da der große Alukoffer am besten Platz hat – und ein Wintergespann für Fahrten bei Schnee und Eis. „Das Streusalz hinterlässt seine Spuren. Die möchte ich nicht an all meinen Maschinen haben“, so der passionierte Motorradfahrer aus Oberbayern. Schließlich fährt er jeden Tag mit einem Gespann in die Arbeit und hin und wieder zu einem „Familientreffen“, also einem Moto-Guzzi- oder Ducati-Treffen, aber auch zum einstigen Moto-Guzzi-Werk nach Mandello de Lario – „natürlich“ bei jedem Wetter. Darauf, dass seine Maschinen dabei gut in Schuss sind, legt er viel Wert, nicht nur aus Sicherheitsgründen. Alle Maschinen sind gepflegt und in optischem wie auch technischem Bestzustand. Dafür sorgt Klaus in seiner an die Garage angrenzenden Werkstatt meist selber. Die Motorräder sind seine Leidenschaft, sein Hobby und – im wahrsten Sinne des Wortes – sein Antrieb.

Die Idee entstand schon im Krankenhaus

Nur so kann man es sich erklären, dass sich seine Gedanken bereits kurz nach seinem wetterbedingten Motorradunfall am Freitag, den 13ten März 1992, viel um die Frage drehten: „Wie und wann kann ich wieder Motorradfahren?“. Dass er hierfür von allen Seiten belächelt wurde, hielt ihn nicht davon ab, nach seinem Klinikaufenthalt mit seinem persönlichen Training zu starten. Trainingsgerät war sein Motorrad, Trainingsort das Wohnzimmer. Tag für Tag übte er das Aufsteigen. Ein Jahr lang. Dann konnte es losgehen. Mit seiner Solomaschine konnte er zwar nicht mehr fahren, aber mit einem Motorradgespann. Natürlich nicht mit einem herkömmlichen Gespann, sondern mit einem perfekt auf seine Bedürfnisse zugeschnittenen Motorrad mit Beiwagen. In seinem Fall eine Lösung mit vielen Vorteilen, bei der nicht nur das Motorradfeeling bleibt. Denn das Fahren mit einem Beiwagen kann genauso abenteuerlich sein wie mit einer Solomaschine. Man kann den Fahrtwind spüren und vorbeiziehende Landschaften wie auch Wetteränderungen Kilometer für Kilometer mit allen Sinnen erleben. Zudem gibt der Beiwagen dem Motorrad die notwendige Stabilität und seine Frau Christine kann auch mitfahren. Gedanklich sah sich Klaus mit dieser Motorradvariante schnell wieder on the road: „Diese Idee hatte ich schon, als ich noch im Krankenhaus lag“, verrät Klaus.

Ein Tipp aus dem Freundeskreis führte ihn und seine Frau zu der Firma Stern-Gespannbau in Geiselhöring im niederbayerischen Landkreis Straubing-Bogen (siehe Infokasten). „Nach vielen Gesprächen und einer wirklich konstruktiven Beratung durch den damaligen Mitarbeiter und heutigen Inhaber Helmut Herrmann, konnten unsere Ideen dort wirklich super umgesetzt werden“, erinnert sich Christine. Und zwar in Form einer Moto Guzzi California 3 und einem EZS-Beiwagen. Der erste große Schritt zurück aufs Motorrad war getan.

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TÜV für Fahrer und Fahrzeug

Nun fehlten noch die TÜV-Abnahmen für das neue Gefährt und seinen Fahrer. Bei beiden hatte Klaus Glück. Und das braucht man in diesem Fall auch. Denn insbesondere zum Erteilen der Fahrerlaubnis bei Behinderungen des Bewegungsapparates kann zum einen die Erbringung eines medizinischen Gutachtens, welches die grundsätzliche Fähigkeit zum Führen eines Fahrzeugs bescheinigt, notwendig werden. Zusätzlich kann, gemäß § 11 der Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV), ein Gutachter angeordnet werden, der die Fahrfähigkeit prüft. Dies , „… falls Tatschen bekannt werden, die Bedenken gegen die Eignung des Fahrerlaubnisbewerbers begründen …“. Als Gutachter gilt ein amtlich anerkannter Sachverständiger oder ein Prüfer für den Kraftfahrzeugverkehr, in der Regel vom TÜV oder von der DEKRA. Getestet wird, ob der Behinderte das Fahrzeug mit den individuell notwendigen technischen Anpassungen sicher führen kann.   Ähnlich wie bei einer Führerscheinprüfung, kann das Gutachten mittels Durchführung einer Fahrprobe erstellt werden – selbstredend in dem umgebauten Fahrzeug.

In dem ganzen Prozedere scheint der Goodwill des Gutachters ebenso bedeutend zu sein wie seine Sachkenntnis sowie die vom Verkehrsministerium erstellten Begutachtungs-Leitlinien für spezielle Krankheitsbilder und Behinderungen. Denn schlussendlich entscheidet der Gutachter, ob der Fahrer mit seinem Handicap Mindestanforderungen zum Führen des Fahrzeugs erfüllt.

„Hierbei sollte man sich im Vorfeld erkundigen, ob der Gutachter bereits Erfahrung mit behinderten Bikern hat“, rät Christine, „denn erfahrene Prüfer trauen dem gehandicapten Prüfling einfach mehr zu“. Klaus hatte einen eher unerfahrenen Prüfer auf diesem Gebiet, aber er hatte einen starken Willen, Kraft und jahrelange Fahrpraxis. Die vom Gutachter angeordnete Runde auf dem TÜV-Gelände mit Vollbremsung absolvierte er ebenso souverän, wie das Rückwärtsausparken seines Gespanns. „Der Prüfer wollte einfach wissen, ob und vor allem wie Klaus aus einer Parklücke rückwärts wieder raus kommt, wenn sonst alle Wege versperrt sind. Rückwärtsfahren geht ja bei einem Motorrad nicht, es gibt ja keinen Rückwärtsgang“, schildert Christine. Für Klaus kein Problem. Er nahm den Rollstuhl aus der Halterung, stieg vom Motorrad ab, setzte sich in den Rollstuhl und zog das Gespann rückwärts aus der Parklücke – fertig. Damit hat er den Gutachter überzeugt, „aber auch überrascht“, so Christine. Die Ausstellung der Fahrgenehmigung und der Eintrag in den Führerschein waren dann nur noch reine Formsache. Klaus fährt seitdem Motorradgespann, obwohl bei ihm von der Brust abwärts praktisch keine Muskulatur mehr vorhanden ist.

Die Arme übernehmen die Funktion der Beine einfach mit

Deshalb müssen die Arme die Funktion der Beine mit übernehmen. Diese Information war auch essenziell für seinen zweiten Gespannbauer, Bernhard Peintner von IWAN Bikes, der Klaus vor allem in den letzten Jahren dabei unterstützte, seinen Traum vom Motorradfahren weiterhin realisieren zu können.

Saldana_3_Gespann_Lenker

Erst bei genauerem Hinsehen kann man die individuellen technischen Anpassungen erkennen. Herzstück der speziell für Klaus umgebauten Gespanne ist eine elektropneumatische Schaltung am rechten Lenker, für die ein BMW-Blinkerschalter zweckentfremdet wurde. Tatkräftig unterstützt wird sie von zwei Kompressoren, die im Kofferraum der Beiwagen installiert wurden. Diese bauen den für die Schaltung notwendigen Luftdruck auf. Einer der Kompressoren dient rein zum Ersatz, für den Fall, dass der andere ausfällt. „So einen Kompressor kann man eben nicht mal unterwegs schnell reparieren. Da ist mir wohler, wenn ich Ersatz dabei habe“, erklärt der gelernte Feinmechaniker, der ansonsten gerne auch selbst an seinen Motorrädern schraubt, Räder ausbaut oder das Öl wechselt.

Auf der linken Seite des Lenkers befinden sich zwei weitere Hebel, nämlich die Original-Kupplung und darüber die einstige Fußbremse, die von Fuß- auf Handbetrieb umgebaut wurde. Zwischen Motorrad und Beiwagen schließlich wurde eine zirka 30 cm breite Rollstuhlhalterung aus Aluminium angebaut – von Klaus selbst. Um den Beinen Halt zu geben, sind am Sitz zwei Gurte angebracht und ein Gelkissen, welches bei Bedarf einfach auf die Sitzbank gelegt wird, schützt vor Wundsitzen. „Alles keine große Sache“, so Klaus.

Saldana_9_Gespann_Seitenansicht

Tägliches Training für Super-Tage

Zumindest nicht von der technischen Seite her gesehen. Denn eines ist Klaus klar: Ohne sein tägliches Trainingsprogramm könnte er seine Leidenschaft nicht so einfach leben. Sowohl das Gleichgewicht, die allgemeine Beweglichkeit wie auch die Muskelkraft der Arme und des Oberkörpers müssen täglich trainiert werden. Dazu gehören für Klaus neben den beiden wöchentlich stattfindenden Terminen zur Krankengymnastik bei einem Physiotherapeuten auch selbstständig durchzuführende Trainingseinheiten.

Und so steht er täglich eine Stunde in einem speziellen Stehgerät, um die Belastungsfähigkeit der Knochen zu trainieren und die Durchblutung anzuregen. Mit einem Beckengurt gestützt steht er darin wie an einem Stehpult. Zur Kräftigung des Oberkörpers hat er sich Hanteltraining verordnet und tägliche Ausfahrten mit dem Rollstuhl: bis zu acht Kilometer am Tag fährt Klaus mit seinem Rollstuhl spazieren – handbetrieben. Klar, sagt er, gehöre da eine große Portion Disziplin dazu. Aber der Einsatz lohne sich. Alleine das An- und Ausziehen der engen Motorradkleidung und -schuhe koste Kraft und Geschick. Auch seine viel geliebten längeren Touren könne er dank seiner guten Fitness ebenso wuppen, wie vor seinem Unfall. Genau wie jeder andere Biker sei er natürlich nach 15 Stunden Motorradfahren total fertig, „aber das war dann ein Super-Tag“.

Gezählt wird nur noch in Kilometern

Eben solche Super-Tage gönnt sich Klaus regelmäßig. Kurz- oder Urlaubsreisen werden im Gespann und selbstverständlich mit Frau Christine absolviert. Die Bilanz der Norwegenreise in diesem Sommer: 6806 Kilometer und 863 Euro Benzin. Jeden Kilometer fährt er selbst. Das ist echte Leidenschaft, die seine Frau gerne mit ihm teilt. Und so zeigen die vielen liebevoll von ihr zusammengestellten Urlaubsalben viele wunderschöne Landschaften und Sehenswürdigkeiten der bereisten Länder – und fast immer auch Klaus mit seinem Gespann. Klaus auf dem Großglockner, Klaus vor der Silhouette einer norwegischen Seenlandschaft oder einfach mal nur ein Schnappschuss: das gut bepackte Gespann mit seinem Fahrer begleitet jedes Motiv und spiegelt dabei auch die ganz besondere Verbindung des Bikerpaares wider.

Saldana_1_GespannMan könnte fast sagen, auch Klaus und Christine sind ein gutes Gespann. Und zwar eines, das mit viel Vertrauen und Verständnis optimal läuft. Denn selbstverständlich ist es sicherlich nicht, dass Christine jeden Urlaub und viele Wochenenden als Sozia im Beiwagen verbringt. Ob Sie dabei manchmal Angst habe? „Nein“, antwortet sie überlegt, „der Klaus ist ja kein Raser, aber auch keine Trödler. Er fährt sicher, vorausschauend und dann lässt er es auch schon mal schön laufen.“ Und damit seine Frau es dabei bequem hat, wurde der Beiwagen mit einem ergonomischen Recaro-Autositz aufgerüstet. „Jetzt kann ich auch die langen Fahrten ohne Rückenbeschwerden genießen“, sagt Christine, denn Klaus fährt eben am liebsten lange Touren. Nur eines mögen beide nicht mehr so gerne: im Zelt schlafen. „Wir haben es zwar immer dabei, falls wir kein geeignetes Quartier finden“, so Christine, für jede Nacht, so wie früher, sei das aber nichts mehr. „Dafür sind wir einfach schon zu alt.“

Saldana_6_Gespann_Großglockner_

Mehr hierzu in der SAT1-Doku „Plötzlich war alles anders“ . Dauer zirka 15 Minuten

http://www.sat1bayern.de/archiv/2014-03-29

 

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About Sabine Saldaña Bravo

Lesen war und ist meine Leidenschaft. Zum Schreiben bin ich erst über Umwege gekommen. Wenn ich mal nicht schreibe – was schon beruflich bedingt recht selten ist – tanze ich gerne Salsa und lese – mal wieder. Alles, was mir in die Quere kommt. Deshalb bin ich am allermeisten auf Eure Geschichten hier gespannt! :-) Ach ja: Mein täglich Brot verdiene ich mir als Texter oder besser als Texterin für Werbetexte rund um Erding und München.
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Über Sabine Saldaña Bravo

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