Archiv für den Monat: November 2014

Als Weihnachten seine Erwartungen verlor

„Kennen Sie schon unser kostenloses Postbank-Giro-Plus?“ säuselte der aggressionsresistente junge Post-Mann der wohl hundertsten Kundin in den letzten zwei Stunden mit einem einstudierten Lächeln entgegen. Ohne einen Hauch des Gespürs für die unglaubliche Hektik in der ach so staaden Vorweihnachtszeit leierte er diesen Spruch unaufgefordert jedem entgegen, der es wagte, seinen Schalter mit so einem banalen Anliegen wie Briefmarken kaufen oder Paket aufgeben aufzusuchen.

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Damals, als die Post auf genau diesem Fundament ihre Existenz begründete, fand ich es immer ziemlich klasse Briefe aufzugeben. Denn da durfte ich die Briefmarken abschlecken. Die schmeckten immer so süßlich, klebrig. Ich stellte mir dabei vor, wie es wohl so sei, als Brief auf Reisen. Ob man da etwas sehe von der großen weiten Welt? Ob der Briefträger manchmal gerne wissen würde, was da Schönes drinstehe, in dem Brief mit der angesabberten Marke drauf? Welche Geheimnisse? Welche Überraschungen?

Das interessiert heute Niemanden mehr. Denn alle Geheimnisse dieser Welt, werden frei Haus über Facebook gepostet. Und das hat manchmal eher einen bitteren Geschmack.

 

Jetzt war ich endlich dran. Drei Briefmarken à 55 Cent brauchte ich. Meine Weihnachtspost. Von Jahr zu Jahr verschickte ich weniger Weihnachtsbriefe, dafür mehr E-Mails mit lustigen Anhängen und schnelle SMS, an jeden, der mir grad so einfiel am Heiligen Abend zwischen spätem Frühstück und letztem Geschenkeinpacken. Da wünschte ich dann immer „viele Geschenke“. Warum eigentlich?

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Leidenschaft mit Kettensäge

Eines vorneweg: Ich bin keine Kunstkritikerin. Nur Ausstellungs-Besucherin, oder besser: Beobachterin und Zuhörerin. Was mir dabei schon immer am besten gefallen hat, war das, was nicht Jeder sieht. Oder was ein Jeder anders sieht. Das also, was zwischen den Zeilen und Pinselstrichen – in diesem Falle – zwischen Baum-Mark und Rinde zu lesen und zu spüren ist. Wie die Anziehungskraft der Skulptur mit der Nummer 15. Fast schüchtern benannt als „Paar“. Vom Künstler Harry S. In seiner Ausstellung „Schwarzbrennd“.

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„Deine blauen Augen machen mich so sentimental“

Dieser Titel ist natürlich geklaut, oder sagen wir mal geborgt. Aus der guten alten Neuen Deutschen Welle-Zeit. Also von damals, als es noch keine Handys, WhatsApp und Lounge-Bars gab. Und noch niemanden, in meiner Welt, auf den diese Zeile sprichwörtlich wie die Faust aufs Auge gepasst hat. Oder besser: wie das Fäustchen. Denn seit ein paar Tagen hats mich erwischt. Ich bin verliebt. Aber anders. Völlig unerotisch.

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Und doch wird mir ganz warm ums Herz, wenn ich an sie denke. Meine erste und einzige Nichte, die mich so warm und ehrlich angelächelt hat, dass ich mehrmals kurz hinter mich schauen musste. Nur um sicher zu gehen, dass sie wirklich mich gemeint hat, mit ihrer zahnlosen Charmeoffensive. Hat sie. Und plötzlich wünsche ich mir, wieder mehr Kleinkind zu sein.

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